Pressemitteilung 45 / 2002

"Jede Vergeltung ist unfähig, den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt zu sprengen"

Kardinal Lehmann und Kirchenpräsident Steinacker feiern Gedenkgottesdienst am Jahrestag der Terroranschläge in New York und Washington

Mainz, 11. September 2002. Mit einem ökumenischen Gedenk- und Friedensgottesdienst im Mainzer Dom heute um 17‘30 Uhr haben der Bischof des Bistums Mainz, Kardinal Karl Lehmann, und der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN); Dr. Peter Steinacker, der Terrorattentate in New York und Washington vor einem Jahr gedacht. An dem Gottesdienst nahmen auch der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, sowie der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, teil. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte ein Grußwort geschickt.

Steinacker: "Ohne den Frieden der Religionen gibt es keinen Frieden auf der Welt"
In seiner Predigt wies Dr. Peter Steinacker, der Kirchenpräsident der EKHN, darauf hin, dass nach jüdisch-christlichem Verständnis die Geschichte zwar von Menschen gemacht werde, Herr über die Geschichte sei aber letztlich Gott." Die schrecklichen Ereignisse des 11. September 2001 seien einerseits die verbrecherischen Taten von "religiös verblendeten Fanatikern" und andererseits Teil des "rätselhaften und tief verborgenen und uns aus der Bahn werfenden Welthandelns Gottes". Es gelte, "Gott die Ehre zu geben und den Verbrechern in die Arme zu fallen."
Die Attentäter hätten aus religiösen Motiven gehandelt. Ihre islamische Herkunft gebe Christen allerdings nicht das Recht, sich nun über den Islam zu erheben. In allen monotheistischen Religionen gebe es eine "Gewaltgeschichte". Steinacker wörtlich: "Solche furchtbaren Ereignisse führen uns vor die Majestät Gottes und zwingen uns dazu, für den Frieden unter den Religionen einzutreten. Denn ohne diesen Frieden der Religionen wird es keinen Frieden auf der Welt geben. Wir Christen haben lange gebraucht, um gegen den Stachel der Gewalt in uns selbst misstrauisch zu werden. Wir müssen intensiver fragen, was wir im Westen falsch gemacht haben und warum so viele arabische Völker sich uns wirtschaftlich unterlegen fühlen - obwohl sie sich insgeheim kulturell dem Westen überlegen fühlen."
Steinacker äußerte dabei die Hoffnung, "dass auch der Islam in seinen verschiedenen Konfessionen den in ihm liegenden Impuls zum Frieden gegen seine inneren Feinde wirksam werden lässt". Niemand dürfe mehr zu Kreuzzügen oder Heiligen Kriegen aufrufen.

Lehmann: "Den Hexenkessel des ständig selbstzeugenden Bösen verlassen"
Kardinal Karl Lehmann mahnte in seiner Predigt, sich "nicht nur von momentanen Gefühlen oder politischen Berechnungen leiten" zu lassen, sondern bei der Verarbeitung der Ereignisse "einen längern Atem" zu haben und auf die "religiösen Grunderfahrungen der Bibel" zurückzugreifen. Eine ganz entscheidende Aussage dort sei: Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht vor allen Menschen" (Römerbrief 12,17). Der Apostel Paulus habe dort ausdrücklich Rache und Vergeltung verboten, so Lehmann. Dabei gebe es eine "ganz große Übereinstimmung mit dem religiösen Erbe des Judentums und des frühen Christentums, auch des Korans". Lehmann weiter: "Jede Vergeltung ist unfähig, den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt wirklich zu sprengen." Vergeltung sei deshalb allein Gott überlassen. Zwar müssten überführte Terroristen gerichtlich belangt werden, Christen müssten allerdings auch danach fragen, wie man "den Hexenkessel des ständig selbstzeugenden Bösen verlassen" könne. Lehmann fand die Antwort in der Bibel: "Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken, tu das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt, dies, so Lehmann, sei die "Zumutung der biblischen Offenbarung", die darauf setze, den Feind durch das Tun des Guten zu gewinnen

Elyas: "Der Zusammenprall der Kulturen scheint gewollt zu sein."
Im Anschluss an den Gottesdienst sprach Dr. Nadeem Elyas, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland ein Grußwort: Er zitierte den Koran: "Und tu Gutes, so wie Gott dir Gutes getan hat. Und trachte nicht nach Unheil auf der Erde, denn Gott liebt nicht die Unruhestifter." Elyas zog daraus die Konsequenz: "Wer sich Terrorismus, Gewalt und Ermordung unschuldiger Zivilisten als politisches Mittel bedient, kann sich nicht auf den Islam berufen." Elyas beklagte, dass seit einem Jahr viele friedfertige Muslime angefeindet würden. Fronten würden dabei künstlich konstruiert. Elyas wörtlich: "Der Zusammenprall der Kulturen scheint gewollt und geplant zu sein." Schuld am Terrorismus seien aber nicht die Religionen sondern die Ungerechtigkeiten auf der Erde und die "von der ersten Welt hingenommenen und zum Teil verursachte Unterdrückung vieler Völker, ihre politische Entmündigung und wirtschaftliche Verelendung." Elyas plädierte für eine "Allianz der Vernünftigen in aller Welt und der Gläubigen in allen Religionen"."

Spiegel: "Frieden braucht mehr als Panzer und Raketen"
Das Grußwort von Paul Spiegel, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, wurde von Günter Meyer vom Zentrum für Forschungen zur arabischen Welt an der Universität in Mainz überbracht. Spiegel äußerte, der 11. September habe der ganzen Welt die Augen über die tatsächliche Gefahr geöffnet, die der internationale Terrorismus darstelle. Juden hätten dies schon lange gewusst. Spiegel verwies dabei auf die palästinensischen Extremisten und islamischen Fundamentalisten, die das Existenzrecht Israels bekämpften.
Spiegel lobte die entschlossene Reaktion der USA, die "auf militärische Stärke und diplomatische Bemühungen gesetzt" hätten. Spiegel wies darauf hin, dass es zum Frieden "mehr als Panzer und Raketen" brauche. Nötig sei die "Bereitschaft zwischen den Menschen, zwischen Völkern und Kulturen, aufeinander zuzugehen, miteinander ins Gespräch zu kommen und im anderen nicht nur den Fremden sondern auch den Mitmenschen zu erkennen."

Darmstadt, 11. September 2002

Verantwortlich:
gez. Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher der EKHN
gez. Jürgen Strickstrock, Pressesprecher des Bistums Mainz

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