Donnerstag, 13. September 2001
Einsturz der Zwillingstürme

Verheerender Schneeball-Effekt

Das World Trade Center an der Südspitze Manhattans existiert nicht mehr. Dass die weltberühmten Zwillingstürme durch Flugzeugeinschläge schwer beschädigt wurden und brannten, war für die New Yorker schockierend genug. Doch der schlimmste Schock folgte, als die Gebäude bald darauf zusammenbrachen. Denn jetzt war klar: Hier ist nichts mehr reparabel.

Das war bei einem Flugzeug-Einschlag ins Empire State Building im Juli 1945 ganz anders gewesen. Seinerzeit ist eine kleine Maschine in das Hochhaus gerast. 14 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben, mehrere Etagen des steinernen Monuments wurden beschädigt. Doch das Gebäude in seiner Substanz blieb erhalten.
 
Der Einsturz der Zwillingstürme des World Trade Centers am Dienstag lässt sich mit dem statischen Schneeball-Effekt erklären: Die eingeschlagenen Flugzeuge haben offenbar jeweils mehrere tragende Stahl-Elemente in den Gebäuden zerstört oder mindestens beschädigt. Die Tragkraft des Stahls wurde zudem durch das ausbrechende Feuer - um die 90.000 Liter Kerosin brannten - zunehmend aufgeweicht. Explosionen sorgten für weitere Erschütterungen.

Sozusagen zwangsläufig musste irgendwann eine der Decken im Gebäude einstürzen. Deren Gewicht belastete schlagartig die darunter liegende Decke, die daraufhin ebenfalls nachgab. Und so folgten alle weiteren der insgesamt 110 Etagen, bis der erste Turm - es handelte sich um den südlichen - um 10 Uhr Ortszeit komplett in Trümmern lag. Seit dem Flugzeugeinschlag waren nur 56 Minuten vergangen.

Im nördlich gelegenen Tower war zuerst eine Maschine eingeschlagen: um 8.50 Uhr. Dieser Turm brach um 10.29 Uhr, also knapp eine halbe Stunde nach seinem Zwilling zusammen.

"Das Gebäude hatte keine Chance", sagte Mutsuro Sasaki, der zahlreiche Hochhäuser mit einer ähnlichen Bauweise in dem von häufigen Erdbeben geplagten Japan entworfen hat. Die röhrenförmige Stahlkonstruktion der mehr als 400 Meter hohen Türme habe der Wucht des Aufpralls nicht standhalten können.
 
So erklärt sich auch, dass die Türme nicht seitlich weggekippt sind - was einen noch viel größeren Schaden an den umliegenden Häusern bedeutet hätte. Die Zusammenbrüche ähnelten stark den Bildern von zusammenstürzenden Hochhäusern, die in Wohngebieten kontrolliert gesprengt werden.

Häuser wie das World Trade Center werden laut Hans-Georg Oltmanns, Baustatiker in Oldenburg, mit einem Stahlbeton-Kern in der Mitte errichtet. Er trägt rund 50 Prozent der Fläche. Rund herum tragen Konstruktionen aus Stahlstützen die Deckenelemente aus Beton.

Nach Einschätzung von Bauingenieuren haben die Terroristen genau über die Statik des World Trade Centers Bescheid gewusst. Kein Gebäude der Welt hätte der Kombination aus den heftigen Aufschlägen großer Flugzeuge und dem folgenden Feuer infolge auslaufenden Kerosins - die Tanks beider Maschinen waren sehr voll - widerstehen können, erklärte Professor Masoud Sanayei von der Tufts-Universität in Boston.

Schon die Erbauer des Handelszentrums wussten, dass allenfalls der Aufprall eines kleinen Flugzeugs ohne schlimmere Folgen bleiben würde.


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Originaladresse: N-TV.de