Christen und Muslime   
nach dem
11. September 2001

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Pater Prof. Dr. Christian W. Troll SJ
Katholische Akademie in Berlin
 Berlin, 26. September 2001

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Die Katastrophe des 11. September stellt manche bohrende und schwer zu beantwortende Frage. Sie hält auch Lektionen bereit. Eine, grundlegende dürfte diese sein: Ohne einen von jeder einzelnen der großen Religionen mitgetragenen und alle Religionen und Kulturen übergreifenden ethischen Konsens ist ein Überleben der Menschheit unwahrscheinlich. Um diesen Konsens gilt es zu ringen - in einem offenen und kritischen Dialog. Es sei gleich hinzugefügt, was die Päpste seit Jahrzehnten ungehört in die Wüste rufen:

Kein Dialog kann realistisch auf die Dauer zu Frieden führen ohne effektive soziale und politische Gerechtigkeit, ohne den Willen, wirklich weltweit zu teilen.

Sicher sind nicht wenige Regionen der Erde seit Jahren von Attentaten und Terrorstrategien gekennzeichnet. Was wir in New York erlebt haben, hebt sich jedoch ab von bisher bekannten Gewalt- und Terrorakten: zunächst im Hinblick auf die enormen Ausmaße der Zerstörung an Leben und Besitz und die Kontinente übergreifende langfristig, mit äußerster Präzision geplante Ausführung. Dazu kommt jedoch noch etwas Anderes: die Attentäter des 11. September sehen ihre Tat im Kontext eines apokalyptischen Kampfes zwischen dem weltweiten Bereich des Islam und seinem koextensiven Feind, zentriert in den Vereinigten Staaten von Amerika.

In welcher Weise betreffen die angedeuteten Ereignisse die Beziehungen - und damit auch den interreligiösen Dialog - zwischen Christen und Muslimen als Glaubenden? Welche neue Akzentsetzungen und Handlungsfelder ergeben sich? Es trifft sich gut, dass die katholischen Bischöfe Deutschlands bei ihrer diesjährigen Herbstversammlung in Fulda am Mittwoch, dem 26. September, den ganzen Tag dem Studium und der Reflexion über die Muslime, den Islam und die Christlich-Islamischen Beziehungen widmen werden. Dieser Studientag ist seit Monaten mit Experten unter der Leitung von Bischof Kamphaus vorbereitet worden. Er wird im Dreischritt Sehen-Urteilen-Handeln versuchen, klare Perspektiven für die Gestaltung der Beziehungen und des Dialogs zwischen Christen und Muslimen in Deutschland zu erarbeiten.

Dabei stellen die entsprechenden Prinzipien und Direktiven des Konzils, schöpferisch ausgelegt und vielfältig umgesetzt von den letzten Päpsten selbst sowie von dem seit seiner Gründung im Jahre 1965 sehr aktiven Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog, eine enorme Hilfe dar. Auch die Erfahrungen

,,Dialog des Lebens" und dem ,,Dialog der Experten", der in vielen Ortskirchen, wie z.B. denen des Nahen Ostens, Nord- und Westafrikas aber auch der Frankreichs seit Jahren geführt wird, fließt in die Arbeiten ein. In Deutschland hat die katholische Kirche über CIBEDO (Christlich-Islamisch Begegnung -Dokumentationsleitstelle der Deutschen Bischofskonferenz) in Frankfurt und andere diözesane Islamreferate seit zwei bis drei Jahrzehnten fruchtbare Arbeit geleistet, in enger Zusammenarbeit mit den evangelischen Kirchen, die in ähnlicher Weise engagiert sind. Jetzt geht es um eine realistische Analyse der gegenwärtigen Situation und um das Konzept und die Vision für einen schöpferischen, umfassenden zweiten Anlauf der ganzen katholischen Kirche Deutschlands in der Arena des interreligiösen Dialogs. Wie nimmt der Glaubende die Ereignisse des 11. September wahr, wie beeinflussen sie die gegenseitige Wahrnehmung und welche praktischen Konsequenzen erscheinen angesagt?

Viele Menschen, Muslime und Nichtmuslime haben in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von Verbrechen und Terror gehört, durchgeführt nicht nur im Namen der ,,Nation“, sondern auch der ,,Religion". Angesichts der Ungeheuerlichkeit des Attentats vom 11. Sept. und seiner perfekten Inszenierung von einer kleinen Gruppe junger, akademisch ausgebildeter Techniker, stellt sich für die religiös gebundenen Menschen, die sich dem Brückenbau zwischen den Religionen widmen, die schmerzhafte Frage: Wie ist es einem Menschen möglich, regelmäßig den Akt der Hingabe an Gott im Gebet zu vollziehen und gleichzeitig mit Gesinnungsgenossen, vernetzt über viele Länder, Tötung und Zerstörung mittels mit der Waffe der ,,Selbstaufopferung" zu planen und durchzuführen? Diese schmerzliche Frage, die mit besonderer Wucht gerade die Glaubenden bedrängt, sollte nicht einfach unterdrückt oder diplomatisch wegdiskutiert werden. Dabei geht es wirklich nicht um ein Anprangern spezifisch des Islam, sondern um ein nüchternes Anerkennen der Tatsache, dass religiöser Glaube und Vollzug und die Bereitschaft zu äußerster Gewalt und Terror unheimliche Bündnisse eingehen können; dass in Verblendung und verführt von extremer Ideologie religiöse Symbole und Lehren verdreht werden und so dann der Rechtfertigung von Mord und blinder Gewalt dienen können.

Diese bittere Tatsache wird Christen und Muslime in Zukunft noch intensiver als in der Vergangenheit zu einem ehrlichen, beiderseits offenen und kritischen Dialog herausfordern. Ein zentrales Thema wird sein: es gibt einen kleinen Prozentsatz von ,,praktizierenden Religionsanhängern", heute eben gerade auch unter Muslimen, die sich von ihrer Religion her motiviert und gar verpflichtet wissen, sich systematisch, mit technisch hochentwickelten und organisatorisch raffinierten Mitteln ,,auf dem Wege Gottes" der terroristischen Zerstörung des Feindes zu verschreiben. Dieser Feind ist für sie die frevlerisch vorherrschende Zivilisation, die statt dem wahren Gott, den Götzen des Geldes und der Unmoral anbetet und die letzte und wahre Religion tödlich bedroht. Diese Zivilisation des ungläubigen Frevels und der ungerechten Macht gilt es an ihrem Lebensnerv zu treffen und mit allen erdenkbaren Mitteln zunichte zu machen: World Trade Center, Pentagon etc. sind, so gesehen, herausragende Symbole des absoluten Feindes. Dies ist die scharfe, von einigen Dschihädismus genannte, Variante einer islamistischen Denkweise. In allerdings sehr viel milderen und weitaus unschärferen Versionen erfasst sie mutatis mutandis einen breiteren Kreis von Personen und Gruppen im gesamten Bereich der Dritten Welt, vor allem sicher muslimische Gesellschaften. So besteht eine Grauzone von mehr oder weniger klaren Sympathisanten. Auch diese Tatsache gilt es wahr- und ernst zu nehmen.

In der gegebenen Situation werden nun auch viele Christen der Versuchung unterliegen, den Islam als ganzen und damit das Gros der Muslime irgendwie mit der Mentalität und den Taten der Terroristen vom 11. September zu verbinden. Angst und allgemeine Schuldzuweisung beginnt nun auch bei uns, zu hässlichen Worten und Übergriffen und gar gewalttätigen Ausschreitungen zu führen. Dabei erinnere ich mich aus eigener Erfahrung an die Reaktionen von Medien und selbst von gebildeten Personen in Großbritannien gegenüber Katholiken. Es war während der Jahre, als der Terror der IRA zeitweise die Medien beherrschte. Noch markanter leben in meinem Gedächtnis die Reaktionen, denen ich mich während meines 12-jährigen Aufenthaltes in Indien (1976-88) immer wieder von Seiten gebildeter Hindus ausgesetzt sah, sobald sie hörten, dass ich mich dem intensiven Dialog mit den Muslimen in Indien verschrieben habe: Der Islam und die Muslime seien doch nun einmal eine vom ihrem Wesen her gewaltbereite und gewalttätige Religion. Es gebe nur eine Alternative für sie: ganz und gar Inder, d.h. geistig Hindus zu werden oder aber nach Pakistan auszuwandern. So denken und handeln Hindu-Fundamentalisten, die im Namen der Hindu Religion in ihrer Gewaltbereitschaft gegenüber Minderheiten anderen Fundamentalisten kaum nachstehen.

Gerade unter den glaubenden Muslimen und Christen ist ein offener und zugleich kritischer Dialog angesagt. Er wird sich selbstverständlich je nach Umfeld und Bildung auf verschiedenen Ebenen abspielen. Die Partner im Dialog werden sich selbstkritisch fragen: Welche Wege Mittel halte ich, hält die Gemeinschaft der Glaubenden zu der ich mich bekenne, für die adäquaten, ethisch gerechtfertigten Mittel in dem Bemühen, den Werten und Glaubenswahrheiten Einfluss und Verbreitung zu verschaffen, zu denen wir uns vor Gott bekennen? Wo stehen für mich, in meiner christlichen Glaubenssicht Muslime und der Islam? Diese sollen ihrerseits auf die entsprechenden Fragen antworten.

Mir will scheinen, dass es heute im Dialog zwischen Christen und Muslimen als Mitbürgern in pluralen Gesellschaften und Staaten vor allem um eines geht: zu erkennen, wo wir von unseren religiös formativen Quellen her einer Meinung sind und wo nicht, und sich dann gemeinsam zu engagieren für den Aufbau der ,,weiteren" oder ,,größeren" Gesellschaft, in der Haltung des Dienens am Ganzen und eben nicht nur der Maximierung des korporativen Selbstnutzens. Es geht um einen Grundkonsens, eine gemeinsam, aktiv verteidigte Anerkennung der Tatsache, dass alle Menschen, wie groß ihre Verschiedenheit auch sein mag, gleich sind, was ihre menschliche Würde angeht. Es geht um das ehrliche Bemühen, ein Minimum gemeinsamer Basis gemeinsam zu definieren und effektiv anzuerkennen, gerade auch auf der Basis einer adäquaten Interpretation der jeweiligen Hl. Schrift und Gründerbiographie(n) so dass ein Christ mit gutem biblischen Gewissen und ein Muslim mit gutem koranischen Gewissen eine den weltanschaulichen Pluralismus achtende und fördernde demokratische Ordnung anerkennt und sich für deren Durchsetzung und Entwicklung effektiv einsetzt. Eine Konvivenz aller, Agnostiker, Christen, Muslime, Buddhisten usw. in unseren global vernetzten und bis auf die regionalen und nationalen Ebenen kulturell und religiös immer mehr plural zusammengesetzten Gesellschaften setzt eine politische Ordnung voraus, in welcher die Vernunft herrscht, in der jedoch gleichzeitig die verschiedenen Glaubensformen nicht negiert und untergraben, sondern gerade auch in ihrer allgemein menschlichen Relevanz geachtet und gefördert werden.

Vom 12.-16. September tagte in Sarajevo die langfristig vorbereitete und von allen europäischen Kirchen organisierte Internationale Konferenz zum Thema: ,,Christen und Muslime in Europa: Verantwortung und religiöser Einsatz in der pluralen Gesellschaft". Muslime und Christen aus 26 Ländern nahmen teil. Drei Themenbereiche standen im Mittelpunkt: (1) die Herausforderungen des Zusammenlebens in einer weitgehend pluralen und säkularen Gesellschaft; (2) die Heilung der Wunden, die Christen und Muslime in der Geschichte einander zugefügt haben, mit dem Ziel, sich der Gerechtigkeit und dem Frieden für alle zu verschreiben und (3) gemeinsame Werte, mittels derer die Kirchen aktiv zum Aufbau einer besseren Gesellschaft beitragen können. Zwei der Entschließungen verdienen hier besonders genannt zu werden:

(1) Dialog und interreligiöse Begegnung von Priestern, Pastoren und Imamen durch Austausch zwischen christlichen und muslimischen theologischen Fakultäten und Seminaren. (2) Bewusstmachen aller Tendenzen, die sich der interreligiösen Zusammenarbeit entgegenstellen, und die Ablehnung jeglicher Rechtfertigung von Gewalt im Namen der Religion.

Im Augenblick gilt es vor allem, der Tendenz zu pauschalen Urteilen und Verurteilungen mit aller Macht entgegenzuwirken. Was Nadeem Elyas im Namen des Zentralrates der Muslime in Deutschland noch am 11. September unzweideutig in allen Medien feststellte, muss bei allen Gehör finden und tiefe Überzeugung werden: ,,Wer immer die Hintermänner dieser blutigen Tat sind, beim Islam können sie keine Rechtfertigung für ihre Tat finden. Wer sich Terrorismus, Gewalt und Ermordung unschuldiger Zivilisten als politisches Mittel bedient, kann sich nicht auf den Islam berufen." Der Islamrat gibt uns den Schlüssel für die Zukunft in die Hand, wenn er in einer Pressemitteilung vom 17. September ausruft: ,,Nur gemeinsam können wir den Terror effektiv bekämpfen!" Christen und Muslime müssen sich nun vor Gott beim Wort nehmen.

Der Tag der Deutschen Einheit, den wir am 3. Oktober begehen, ist auch der Tag der offenen Moschee, auf Initiative des Zentralrats der Muslime in Deutschland bundesweit veranstaltet. Er bietet Christen und Muslimen in Deutschland einen willkommenen Anlass, bewusst und hoffentlich auf viel breiterer Basis als bisher, den Weg des persönlichen Lernens und Kennenlernens zu gehen. Auf dem offiziellen Faltblatt heißt es: ,,bewusst wurde der 3. Oktober - Tag der Deutschen Einheit und die interkulturelle Woche - als Rahmen für den Tag der offenen Moschee gewählt. Hiermit soll die Verbundenheit der drei Millionen Muslime in Deutschland mit dieser Gesellschaft zum Ausdruck gebracht werden." Die Muslime wollen den Mitbürgern helfen, sich ,,ein eigenes Bild vom Islam und den Menschen, die als Muslime leben, zu machen und sich selbst ihre Meinung zu bilden". Der Zentralrat weiß um ,,die Vorurteile, die oftmals ein gedeihliches Miteinander in der Gesellschaft schwierig werden lassen. Die Muslime ,,werden allerorts Fragen beantworten und für Gespräche zur Verfügung stehen, mit ,,dem aufrichtigen Wunsch, miteinander in guter Weise umzugehen." Dem Zentralrat gilt unser Dank, und alle Christen sollten gerade jetzt der Einladung folgen. Der Wille von Christen und Muslimen, sich besser kennen und tiefer schätzen zu lernen, vertieft und erneuert die Einheit unseres Landes.


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