Fragen nach dem
11. September 2001,
die bleiben

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Pfarrer Dr. Ernst Pulsfort
Geistlicher Rektor
der Katholischen Akademie in Berlin
 Berlin, 26. September 2001

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Die Attentate vom 11. September in den USA haben tausende unschuldiger Menschen das Leben gekostet, haben sie verstümmelt, haben Familien zerstört, Existenzen für immer ruiniert. Es waren nicht nur Amerikaner; es waren Menschen vieler Nationen und Religionsgemeinschaften. Es scheint, als entstehe eine internationale und interreligiöse Front gegen die infamen und feigen Attentäter und ihre Hintermänner, die aller Wahrscheinlichkeit aus der islamischen Welt stammen.

Die meisten islamisch geprägten Gesellschaften haben sich von den Attentätern distanziert oder haben sie verurteilt. Dennoch: Abendland und Morgenland, d.h. die christlich und die islamisch geprägten Zivilisationen stehen sich in der öffentlichen Wahrnehmung als Kontrahenten gegenüber. Zugleich sind aber diese beiden Welten in Bewegung geraten, politisch, geistig und ökonomisch. Wirtschaft, Technik und besonders die Medienkommunikation machen die Grenzen fließend; zusammen mit den großen Wanderungs- und Flüchtlingsbewegungen führen sie zu einer sich mischenden Gesellschaft. Beide Religionen sind also elementar mit den großen Gegenwartsproblemen konfrontiert und stehen in einem globalen, hochgradig beschleunigten Modernisierungsprozess. Aber Moderne ist nicht identisch mit technisch-ökonomischer Rationalisierung; Moderne bedeutet ebenso - und zwar von ihrem Ursprung, der Aufklärung her - Vorherrschaft der Vernunft in der Gestaltung aller Lebensbereiche, Moderne bedeutet Säkularisierung und Liberalisierung. Und genau dieser "kulturelle" Part der Moderne verbreitet sich nur zögerlich. Besonders die islamischen Länder leiden vielfach unter Umweltkrisen, Bevölkerungswachstum und Verarmung breiter Schichten. Bei uns hingegen wirft die Sinnkrise der Moderne mit Vereinsamung, Identitätsverlust, wachsender Kriminalität und Entsolidarisierung doch die Frage auf, ob Modernisierung und "Fortschritt" weiterhin gleichzusetzen sind. Das ist eine Frage des Christentums, aber ebenso des Islam.

Das Christentum ist durch die harte Schule der Säkularisierung gegangen. Während früher alle Lebensbereiche verkirchlicht waren, sind Güter wie Technik, bürgerlicher Staat und ziviles Recht heute im weltlichen Besitz und sind dort oft besser aufgehoben, mehr geschätzt und verwirklicht worden als im kirchlichen. - Als Christ bin ich fest davon überzeugt, dass Glaube und Politik zweierlei sind, wie auch Staat und Kirche zweierlei sind. Es ist gut, dass die Religion frei ist von politischer Herrschaft: Der Staat darf nicht Kirche oder Religion werden, aber die Religion oder die Kirche darf auch nicht Staat werden.

Weder die Staatskirche noch der Kirchenstaat sind erstrebenswert. Und politischer Messianismus jeder Art hat verheerende Folgen: Er verspricht das Gottesreich auf Erden und landet in der Hölle des Totalitarismus. Weder das Christentum noch der Islam ist davon unberührt geblieben. Was ich gerade gesagt habe, ist aber nicht zu verstehen als ein Plädoyer für einen totalen Säkularismus. Der totale Säkularismus ist ein Gift, der die religiös-weltliche Gewaltenteilung zerstört und schließlich dem Kaiser gibt, was Gott gehört. Die Trennung von Religion und Staat ist erst dann heilsam, wenn Religion und Staat aufeinander bezogen bleiben. Jan Ross hat es einmal folgendermaßen auf den Punkt gebracht; er sagt: "Eine vollkommen säkularisierte Welt" - und dagegen wehren sich sowohl Christentum als auch Islam - "Eine vollkommen säkularisierte Welt, die nur noch ihr glattes Funktionieren für bewahrenswert hält, ist vollkommen wehrlos gegen geistige und seelische Unterwerfung. Sie hat keinen Blick dafür, welche Fahne über ihrem stahlharten Gebäude weht ... wer die Kunst der Trennung verlernt, unterwirft sich dem Totalitarismus der Welt". Diesem Zitat möchte ich folgendes hinzufügen: Wenn sich aber der Glaube von politischer Seite oder seitens einer Religionsgemeinschaft vereinnahmen läßt, dann führt er den Menschen in eine Unfreiheit, in der der Mensch weder seine Chancen noch seine Grenzen erkennen kann. Der starre buchstabengetreue Glaube wird totalitär und unbarmherzig, wenn in ihm nicht der Geist der Liebe atmet. Die Liebe hingegen verliert ihre Kraft, wenn sie den Glauben als ihre Quelle und ihren Bezugspunkt verloren hat.

Der französische Gelehrte Louis Massignon hat das Christentum als Religion der Liebe und den Islam als Religion des Glaubens bezeichnet. Was das Verhältnis beider Religionen zueinander und zur Moderne betrifft, wird m.E. die Herausforderung nicht darin liegen, wer von den dreien sich schließlich durchsetzt. Kämpfe solcher Art enden, wie wir es vor einigen Tagen erlebt haben, mörderisch. Die gemeinsame Aufgabe für die gemeinsame Zukunft (eine andere wird es nicht geben) besteht darin, dass sich die Liebeskraft des Christentums mit dem Glaubenseifer des Islam in Freiheit einander so begegnen, dass weder die Liebe in der Zwangsjacke eines buchstabenfixierten Glaubensgerüstes erstarrt, noch der Glaube durch die Freiheit des Liebesgebots zur belanglosen Beliebigkeit herabsinkt.

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