Die Angst der Kinder

Was ist ein Terrorist ?

Ein Besuch bei Erzieherinnen in Kitas: Wie erklären sie Kindern die Angriffe auf die USA?

Tanja Buntrock

Wie sag' ich's meinem Kinde? Die Frage treibt nach den Terror-Anschlägen in den USA viele Eltern, aber auch Betreuer um. Auf fast allen Kanälen werden seit sieben Tagen die Bilder der brennenden, einstürzenden Wolkenkratzer in New York gezeigt, überall wird darüber gesprochen - selbst beim Einkaufen um die Ecke. Wir besuchten Betreuerinnen in Kitas, um zu schauen, wie sie den Kindern gegenüber mit der Situation umgehen.

Die Erzieherinnen in der Kita Lützowstraße 41 in Tiergarten berichten, dass die Kinder mitbekommen haben, wie die Erwachsenen nach den Anschlägen "am Radio saßen und weinten", schildert Erzieherin Simone Mentzel. Daraufhin haben sie mit den Kindern darüber geredet, haben versucht, ihnen zu erklären, was passiert ist. Die Erzieherinnen sind sich einig, dass die Kinder ein "Recht auf die Wahrheit" haben, "vertuschen bringt doch nichts". Darüber reden helfe den Erwachsenen und den Kindern. Die kleinen Kinder im Alter bis fünf Jahre hätten bislang gar nichts davon mitbekommen. "Solange die nicht fragen, sagen wir auch nichts", sagt Mentzels Kollegin Ulrike Reißner, selbst Mutter eines 5-jährigen Sohnes.

Doch dann gibt es noch Kinder wie Osama. Er ist sieben Jahre, Sohn eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter. Die Erzieherinnen erzählen, dass sie bemerkt hätten, wie verunsichert er in den letzten Tagen war. Er hat Angst, gehänselt zu werden. "Wir haben ihn natürlich beruhigt und beteuert, dass er mit Osama bin Laden nichts zu tun hat und sich keine Sorgen zu machen braucht", sagt Mentzel. Doch die Frage ,was sind Terroristen' sei von den Kindern bald gestellt worden. "Wir erklären ihnen, dass das böse Menschen sind, die Unschuldige töten." Die Erzieherinnen erleben täglich, wie Kinder mit den Ereignissen umgehen. "Ein Junge aus der Gruppe hat das World Trade Center aus Legosteinen nachgebaut und hat ein Spiel-Flugzeug dagegen fliegen lassen", erzählt Ulrike Reißner. "Durch das Nachspielen verarbeiten die Kinder das Erlebnis". (Siehe "Aktuelle Frage").

Für die Erzieherinnen ist wichtig, dass die Kinder dennoch ein Gefühl der Sicherheit bekommen. "Wir erklären ihnen, dass auf den Flughäfen nun besonders viel kontrolliert wird, damit so etwas nicht nochmal passiert." Osama, der still in der Spielecke mit Legosteinen spielt, sagt, dass er im Moment keine Angst vor Krieg habe. "Ich bin traurig gewesen, doch geweint habe ich nicht. Nur mein Vater", sagt er schüchtern.

Auch die Kinder im "Kinder und Jugendtreff Fipp e.V." in der Kluckstraße in Tiergarten haben mit der Erzieherin Zeni Koleva über den Terror in den USA gesprochen. "Seit dem Tag danach ist es hier viel stiller geworden", hat die Erzieherin bemerkt, "ich spürte, wie verunsichert die Kinder waren". Einige von ihnen hätten gefragt, ob der Terror auch nach Deutschland komme. Die Kinder hier kommen aus ganz verschiedenen Nationen. Deswegen hält Koleva das, was passiert ist, für ein "besonders sensibles Thema". Sie habe ihnen erklärt, dass auch die Menschen aus anderen Ländern gegen einen solchen Terror sind. "Über Krieg versuche ich nicht mit ihnen zu reden", sagt sie, "ich weiß ja selbst nicht, was ich davon halten soll". Eine positive Veränderung habe sie in den letzten Tagen bemerkt: Die Kinder spielten viel häufiger als sonst gemeinsam Brettspiele. "Sie halten irgendwie mehr zusammen."


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Originaladresse: Tagesspiegel (19.09.2001)