Raymund Schwager: Falsche Fronten: Multikulturalität oder "Kampf gegen den Islam"

Falsche Fronten: Multikulturalität oder ‘Kampf gegen den Islam‘

Raymund Schwager
(20.10.2001)

Die gegenwärtige Allianz gegen den Terror verschleiert tiefere Probleme. Wo liegen diese?

 


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Virtueller Leseraum der Katholisch-Theologischen Fakultät Innsbruck: theol.uibk.ac.at/leseraum


Originalbeitrag für den Leseraum

© Katholisch-Theologische Fakultät Innsbruck


In den letzten Jahrzehnten ist die Multikulturalität in Kreisen, die sich für fortschrittlich und liberal halten, als erstrebenswertes Ziel propagiert worden. Dabei wurde oft so getan, wie wenn dieses Ziel keiner Begründung bedürfe und sich wie selbstverständlich aus dem Gedanken der Toleranz ergäbe. "War against terrorism" dürfte jedoch zeigen, dass die Problematik weit komplexer ist und zwar von verschiedenen Seiten. Einerseits verkündet Präsident Bush, dass alle Stellung beziehen müssten und dass es nur die Alternative gebe, für oder gegen Amerika zu sein. Da werden plötzlich in einer Welt, in der bis vor kurzem alles für 'gleich-gültig' erklärt wurde, wieder eindeutige und ausschließende Bekenntnisse gefordert. Anderseits lässt sich auch die muslimische Welt keineswegs in die große Mehrheit der Gemäßigten und die kleine Minderheit der fundamentalistischen Fanatiker einteilen, wie wir es gern hätten. Der Islam versteht sich über weite Strecken nicht bloß als individuelle Glaubenshaltung, sondern vor allem als Lebensordnung. die den ganzen öffentlichen Bereich zu bestimmen hat. Diese religiöse Überzeugung stand hinter der iranischen Revolution von Ayatollah Khomeini (1900-89), und sie inspiriert alle islamistischen Kreise, die die Sharia einführen oder eine entsprechende staatliche Ordnung schaffen wollen. Diese Kreise sind weit zahlreicher als die begrenzte Gruppe jener, die zum Terror neigen. Zwischen einem Islam, der sich als Lebensordnung versteht, und dem westlichen Verständnis einer demokratischen und liberalen Gesellschaft gibt es jedoch bisher kein echtes Zusammengehen. Die westliche Welt kann zwar offen sein gegenüber jenen, die sich in ihr Grundkonzept einordnen und die deshalb ihre religiösen oder kulturellen Überzeugungen als Privatsache betrachten. Sie ist aber keineswegs tolerant gegenüber einem grundsätzlich anderen gesellschaftlichen Anspruch.

Der genannte Gegensatz wurde bisher durch zwei Faktoren verschleiert, durch eine widersprüchliche Politik und durch die spontane Anziehungskraft des westlichen Systems. Manche islamischen Länder - allen voran Saudiarabien - arbeiten aus wirtschaftlichen Gründen mit dem Westen zusammen, sind im eigenen Land aber total undemokratisch, setzten eine religiöse Ordnung mit Machtmitteln durch und verletzten systematisch die Menschenrechte und vor allem das Recht auf Religionsfreiheit. Aus wirtschaftlichen Interessen ließ der Westen diesen Widerspruch bisher zu, und er baut auch jetzt - wider aus Augenblicksinteressen - seine Allianz gegen den Terror bewusst auf diesem Widerspruch auf, was längerfristig nur zu großen und vielleicht bitteren Enttäuschungen führen kann. Der zweite Faktor, der zur Verschleierung beiträgt, besteht darin, dass die westliche Welt zwar einen Anspruch hat, sich überall in der Welt durchzusetzen, dabei aber längst nicht immer mit direkter Macht vorgehen muss. Dank der Symbiose von Naturwissenschaft, Technik und Wirtschaft werden ständig neue Güter produziert, die eine anziehende oder verführerische Wirkung auch auf Menschen anderer Kulturkreise ausüben. Selbst wenn die Frage der Macht bei der Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen immer eine Rolle spielt, kann sie dennoch über weite Strecken im Hintergrund bleiben. Der Siegeszug des westlichen Systems geht scheinbar wie von selber weiter, und es muss meistens nicht offen als imperialistisch auftreten. Dass die Dinge letztlich dennoch anders liegen, verrät nun die politische Parole, dass es nur ein Für oder Wider Amerika und keine Neutralität gebe. Unrecht, das die USA erfahren, soll sofort weltweit vergolten werden, während viele andere und zum Teil weit größere Unrechtstaten völlig ungeahndet bleiben. Auch Unrecht, das von den USA ausgeht - z.B. Unterstützung der Folter in Lateinamerika oder wirtschaftliche Ausbeutung - spielt keine Rolle mehr. Die Sicherung des eigenen Lebensbereiches wird zum höchsten Kriterium, was Menschen, die einer grundsätzlich anderen Lebensordnung - wie etwa der muslimischen - folgen wollen, nur als Imperialismus wahrnehmen können. Die westliche Gesellschaft befindet sich deshalb - trotz ihrer Berufung auf die Multikulturalität - in einem grundsätzlichen Konflikt mit anderen Gesellschaftsentwürfen. Die westliche Politik und ein Großteil der Medien tun jetzt - aus pragmatischen Gründen - alles, um diesen grundsätzlichen Konflikt zu verschleiern. Damit wird aber auf längere Sicht nichts gelöst, sondern es werden eher neue Konflikte vorbereitet. Es bleibt das ungelöste Problem, wie das Geheimschaftsverständnis des Islams sich mit dem westlichen Gesellschaftssystem vertragen kann. Ebenso bleibt aber die Frage, ob die westliche Gesellschaft sich in ihrem offiziellen Funktionieren ganz von ihrer Vergangenheit, von ihrer christlichen Wurzel loslösen kann. Gläubigen Christen stehen die Muslime mit ihrem Glauben an Gott letztlich doch näher als Materialisten und Atheisten in den eigenen Reihen, auch wenn dieser Gegensatz jetzt durch einen täuschenden Patriotismus - vor allem in den USA - emotional überspielt wird.