Mediales Trommelfeuer im "War against Terrorism"

Raymund Schwager
(10.10.2001)

Die Projektion eines gemeinsamen Feindes ermöglicht zur Zeit eine weltweite Allianz. Aber das Spiel mit Feindbildern hat auch eine Kehrseite.

 


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Virtueller Leseraum der Katholisch-Theologischen Fakultät Innsbruck: theol.uibk.ac.at/leseraum


Original für den virtuellen Leseraum

© Katholisch-Theologische Fakultät Innsbruck

Die Angriffe auf das Taliban-Regime in Afghanistan werden durch eine große mediale Rhetorik begleitet, die ziemlich weit von der Realität entfernt ist. Wollte man die Geldflüsse, von denen Terroristen profitieren, effektiv unterbinden, dann müssten gleichzeitig die riesigen Transaktionen mit Drogen- und Mafiagelder gestoppt werden. In dieser Richtung gibt es bisher aber keine realistischen und effektiven Versuche. Ferner existierten die militärischen Einrichtungen und Kommandostrukturen der Talibans, die man durch militärische Schläge ausschalten will, schon vorher kaum. Es können Einrichtungen - wie etwa Elektrizitätswerke - getroffen werden, unter deren Zerstörung auch die Zivilbevölkerung zu leiden hat. Über die zivilen Opfer - mit Ausnahme der getöteten UNO-Mitarbeiter - schweigt man deshalb 'klugerweise', was zur medialen Strategie gehört, der sich auch sogenannte kritische Medien leicht unterwerfen.

Durch die rhetorische Konzentration auf einen benennbaren Feind konnte für den Augenblick unter Führung der USA - mittels des Mechanismus 'Einheit durch gemeinsamen Feind' (Girard) - eine weltweite Allianz geschaffen werden. Diese mediale Konzentration hat allerdings auch ihre Kehrseite. Sie macht den einen, der so als der 'Böse' herausgehoben wird, nicht nur zu einer Schreckgestalt, sondern zugleich zu einer faszinierenden Figur, was der girardschen Theorie entspricht. Welche Macht muss dieser eine haben, dass er so der ganzen Welt die Stirn bieten und die Weltpolitik verändern kann? Je länger der Konflikt andauert, um so größer wird auch die Gefahr, dass der herausgehobene Feind zum Repräsentanten der ganzen islamischen Welt wird. Die gemäßigten Kräfte werden durch diese Polarisierung ins Schweigen abgedrängt, und der 'Krieg gegen den Islam', den die amerikanische Politik berechtigterweise verhindern will, droht durch das mediale Trommelfeuer gerade herbeigeführt zu werden.

Eine ehrliche Informationspolitik müsste die Menschen mit der unangenehmen Tatsache vertraut machen, dass unsere moderne Welt brüchig ist und nicht die Verheißungen erfüllen kann, die man oft versprochen hat. Wir stehen heute, soweit die Zukunft realistisch abzuschätzen ist, vor der Alternative, entweder mit wachsenden Unsicherheiten und Gefahren zu leben oder sonst einen wachsenden Überwachungsstaat herbeizuführen. Je mehr die Technisierung wächst, um so mehr Möglichkeiten des Missbrauchs werden geschaffen, und je größer der Abstand zwischen der industrialisierten Welt einerseits und der dritten und vierten anderseits wird, um so mehr lädt sich ein Konfliktpotential auf.

Der 'Spiegel' sieht das Problem im religiösen Wahn und glaubt eine Rückkehr zum Mittelalter ausmachen zu können. Das Bild, das er dabei vom Mittelalter entwirft und uninformierten Lesern einpauken will, ist aber ebenso verzerrt wie die Weltsicht der Taliban. So wird zusätzliches Konfliktpotential geschaffen. Eine Welt mit wachsender Unsicherheit bleibt aber nur dank echter religiöser Überzeugungen lebbar.