St. Michaelskirche München
30. September 2001 (Patrozinium)


Prediger: P. Albert Keller SJ

 

Evangelium: Joh. 1,47-51: In jener Zeit sah Jesus Natanael auf sich zukommen, und sagte über ihn: Da kommt ein echter Israelit, ein Mann ohne Falschheit. Natanael fragte ihn: Woher kennst du mich? Jesus antwortete ihm: Schon bevor dich Philippus rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen. Natanael antwortete ihm: Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel. Jesus antwortete ihm: Du glaubst, weit ich dir sagte, dass ich dich unter dem Feigenbaum sah? Du wirst noch größeres sehen. Und er sprach zu ihm: Amen, amen, ich sage euch, ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- /und niedersteigen sehen über dem Menschensohn.

Predigt: Nach dem Attentat haben Politiker sich beeilt zu versichern, das habe gar nichts mit Religion zu tun, aber auch gar nichts. Dahinter steckte wohl die Sorge, dass es Fremdenfeindlichkeit gäbe, Verdammung des Islam. Aber das ist eine massive Verkennung der Wirklichkeit. Das Attentat hat viel, ganz viel mit Religion zu tun. Es ist genährt von einer Überzeugung, dass es das Böse zu bekämpfen gibt, dass der Teufel auf einer Seite sitzt. Religion (in weitem Sinn verstanden die Bindung an etwas Unbedingtes, an etwas Absolutes) das motiviert die Selbstmord-Attentäter - das macht unsere säkulare, man könnte sagen, abgestandene Welt, so hilflos! - man wird sie, sagt man, verfolgen, aufspüren, umbringen. Der Fanatiker wird sagen: Na und? Bringt mich um, dann erledigt ihr mein Geschäft; sonst bringe ich mich irgendwann einmal um. Fichte. Der deutsche Philosoph, hat gesagt: "Wer sterben kann, wer kann den zwingen?" Und wenn da Todesbereite herangezogen werden, wenn deren Mentalität ihr Leben durchdringt, dann helfen keine Bomben! Da könnte man ausrotten und ausrotten und ausrotten und die würden doch nachwachsen.

Religion hat etwas mit Fanatismus zu tun. Fanum ist das Heilige. Der Fanatiker ist der, dem etwas heilig ist - "heilig", ein Wert über allen anderen -und der ist bereit, dafür über Leichen zu gehen, auch über die eigene. Natürlich gibt es Fanatiker, nicht nur bei der Religion im engeren Sinn, es gab auch fanatische Nazis, fanatische Kommunisten; es gab die Kamikaze-Flieger die ihren Tenno als Gott verehrt haben in Japan, und ihm das Leben geopfert. Es gibt auch fanatische Habgierige, die bereit sind, für ihren Profit über Leichen zu gehen. In diesem Sinn ist das ein weites Feld. Nur, man muß sich eingestehen, es geht nicht nur um profane Dinge, es geht um das, was fanatisch verfochten wird. Und die Frage ist, was hat man dem entgegen zu setzen? Noch einmal: Man wird nur mit materiellen Waffen dem nicht gewachsen sein. Und man wird ihm auch nicht gewachsen sein mit einer banal-liberalen Gesinnung, Jeder solle nach "seiner Fasson selig werden". Die sorgen schon dafür, dass nicht jeder nach seiner Fasson selig wird, sondern nach ihrer! Wenn der Westen sich bloß so treiben läßt nach dem Schema: Toleranz - alles ist möglich, jede Denkhaltung - dann wird er auf Dauer den Kürzeren ziehen.

Die Frage ist: Was haben wir ihm entgegen zu setzen wenn nicht bloß Geld und Waffen? Hat er Geistiges entgegen zu setzen? Natürlich wäre die Frage, machen wir dann gegen etwas - moslemische Religion - das Christentum zu einem derartigen fanatischen Verein? Das muß gesehen werden, es gab und gibt auch unter Christen religiöse Fanatiker, die auch bereit sind, für Religion über Leichen zu gehen. Überall dort, wo man, Gott (Absolutes) in dieser Welt festsetzt, zum unbedingten Wert erklärt, ist es im Grunde nur folgerichtig, wenn ich dafür bereit bin, Menschenopfer zu bringen, wie es die Religionen zeigen. Diesem unbedingten Wert ist dann alles zu opfern.

Haben wir etwas anderes anzubieten? Wir sagen dann etwa: Demokratie, Menschenwürde. Gut, hat die irgendein absolutes, ein unbedingtes Fundament oder nicht? Und wenn ja, warum wird das nicht aufgedeckt? Was haben wir zu verkünden? Haben wir etwas zu verkünden ? Man hat gesagt - wahrscheinlich stimmt das - dass diese Attentäter zum Teil in Deutschland jahrelang unter uns gelebt haben, vielleicht jetzt noch leben. Nicht aufgefallen sind sie, sagt man.

Ich frage: Hat irgendeiner ihrer deutsch-christlichen Nachbarn, mit denen einmal über Religion gesprochen, nicht Bla-Bla, sondern die Frage: Was ist Gott? Wie stehen wir dazu? Sie können fünfzig Jahre in Deutschland leben ohne dass irgendjemand mit Ihnen darüber redet! Schon leichter über Pornographie; Religion, Verhältnis zu Gott, ist ein Tabu. Und dann wundert man sich, wenn plötzlich das kommt - Religion! -in diese ahnungslose blasierte Gesellschaft hinein. Noch einmal: Gegen Religion? Man kann sogar behaupten, ja, gegen Religion.

Christentum ist in einem bestimmten Sinn eine Gegenreligion. Die Religion setzt immer, sagte ich, irgendetwas absolut über den Menschen. Jesus kommt und sagt: Der Sabbat - Beispiel für Religion - wo ich nichts tun darf, der ist für den Menschen da. Wir haben das heutige Evangelium, man kommt gar nicht ganz damit zurecht: Da sagt Jesus (geschrieben um 100, sechzig Jahre nach dem Tod Jesu etwa), sagt er: "Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel auf- und niedersteigen über dem Menschensohn". Der Evangelist, der das notiert hat, mußte sich ja fragen, wo denn? Gekreuzigt, weg, aufgefahren. Aber doch nicht "den Himmel offen sehen", "auf- und niedersteigen die Engel über dem Menschensohn"! Die damaligen Zuhörer wußten das, sie kannten das Alte Testament, die wußten, was das bedeutet: Es ist der Traum des Jakob auf der Flucht vor Esau. In der Einöde liegt er, im Schlaf auf einem harten Stein, und schaut im Traum die Himmelsleiter, die Jakobsleiter. Im Grunde den Turmbau zu Babel, wie es damals versucht wurde, Stufenpyramiden bis in den Himmel zu bauen, und ganz oben war der Zugang zu Gott. Das ist die heilige Stelle, sagt dann Jakob, wach werdend: "Dies ist der heilige Ort, die Pforte des Himmels, Bethel genannt" Da wird dann Gott dingfest gemacht und fassbar. Es steht noch in vielen Kirchen, auch bei uns: "Das ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels".. Da wird Gott auch beschlagnahmt, an einen Ort gebunden: Da ist ER!

Und Jesus macht eine andere Anwendung, das wendet er auf sich an: „ Hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels!" Nicht an irgend einem Ort, nicht in irgendeiner konkreten Situation festzumachen, sondern an ihm. Es ist ein ungeheurer Anspruch. Man könnte sagen, wiederum doch die Gefahr des Fanatismus. Da nun ist Gott, in diesem Menschen Jesus Christus. Aber es ist dieser Mensch. der sich mit allen anderen solidarisch erklärt. für den es nicht die Unterscheidung gut und böse gibt, nicht die Gefahr, andere zu verteufeln - das kann von Moslems kommen, das kann auch von Christen kommen - zu sagen, dort ist der Satan. Amerika ist für die Taliban der Satan, und vielleicht für die Amerikaner ist bin Laden der Satan. Eine Verteufelung verträgt sich mit der Botschaft Jesu nicht, auch wenn sie in der christlichen Geschichte vorgekommen ist, auch da wurden immer Menschen verteufelt. Man hat seine Grundbotschaft nicht begriffen: "Was ihr den Geringsten tut, tut ihr mir", und "in mir ist Haus Gottes und Pforte des Himmels".

Der Mensch ist das Maß aller Dinge und der Wert! Der Mensch, der sich in diese Gesinnung Jesu begibt, zu deren doch in keiner Religion so herausgehobenen Sätzen gehört: "Liebe deine Feinde!" Feinde gibt es, aber ich habe sie nicht zu verteufeln, sondern zu lieben. Zu lieben, das heißt auch, nicht zu wollen, dass sie böse sind! Christentum ist in diesem Sinn keine pazifistische Religion, es wird falsch verstanden, wenn man meint nur Toleranz, Friede.

Christentum ist - nach dem Zeugnis des Apostels, und auch schon nach dem Jesu -ein Kampf. Wie geht das zusammen, liebe deine Feinde und kämpfe. Wenn ich meine Feinde liebe, kann ich nicht wollen, dass sie böse sind. Ich kann niemandem wünschen böse zu sein. Ich muß die Bosheit bekämpfen. Und so sagt dann Paulus: "Wir kämpfen nicht gegen Fleisch und Blut", nicht gegen Menschen, wir kämpfen gegen die Mächte der Finsternis, gegen die geistige Atmosphäre, die diese Welt beherrscht, die Geister der Boshaftigkeit, sagt er (der Teufel ist bloß ein Bild dafür). Es gibt Atmosphäre, es gibt Boshaftigkeit, Fanatismus, Nationalismus, Rassismus, Kapitalismus vielleicht auch - alles Menschenverachtende! - und das kann ich nicht lassen, wie es ist! Dagegen gilt es wirklich zu Felde zu ziehen. Und wenn wir das nicht schaffen, wenn wir nicht schaffen als Christ einen geistigen Kampf zu führen gegen alles Menschenverachtende, dann werden alle anderen Mittel nichts helfen. Das ist im Grunde auch die Botschaft von heute, dem Fest des Heiligen Erzengels Michael:

Es geht um einen Geisteskampf und die Christen sind aufgerufen, für den zu kämpfen. Nicht für sich, damit sie triumphieren, sondern im Interesse der Menschheit. Vielleicht hat ein solcher Faustschlag, wie das Attentat in New York, doch auch die Nebenwirkung, uns Augen und Ohren zu öffnen. Wir können nicht blind materialistisch, kapitalistisch in dieser Welt weiterleben und uns um Glaube und Religion nicht scheren! Sonst werden wir und unsere Kinder und die Weltgemeinschaft die bitteren Zinsen zahlen. Es gilt, sich um Glauben zu bemühen, um Christentum, wie Paulus sagt: "Zieh die Waffenrüstung Gottes an, die Bereitschaft, für dieses Evangeliums des Friedens zu kämpfen." Amen.

Albert Keller SJ


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Originaladresse: St. Michael (Predigt vom 30.09.2001)