"Verleih uns Frieden gnädiglich"

Andacht zum Terroranschlag am 11. September 2001 in den USA
Ort: Ev. Kgm. Messel
Prediger: Pfarrer Albrecht Burkholz

- es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Gemeinde, am Anfang der Woche habe ich mir den Predigttext für den heutigen Sonntag angesehen, die Geschichte von Jakobs Traum von der Himmelsleiter, auf der Engel herunterkommen und hinaufgehen, die Geschichte von einem geöffneten Himmel, von göttlichem Segen, der einen Menschen auch in schwierigen Zeiten, auf der Flucht ins Ungewisse, begleitet. Ich habe mich darauf gefreut, über diese schöne, anschauliche Geschichte zu predigen und wollte sie mit den Kindern in der Schule besprechen. Und dann kamen am Dienstag die unglaublichen Nachrichten von den Terroranschlägen in den USA, die unsere Welt, unsere Gefühle und unser Sicherheitsempfinden nachhaltig geändert haben. Wir sind schockiert, wir trauern mit den Angehörigen, wir haben Angst vor einer Eskalation der Gewalt. Hilflos sind wir und trotz viel Hektik in den Fernsehredaktionen und breiter Berichterstattung in den Zeitungen ist doch eine gewisse Sprachlosigkeit hinter all den Worten festzustellen. Wir wissen noch nicht recht, was all das bedeutet. Insofern ist Schweigen angemessen. Wortlose Zeichen der Trauer und Solidarität sind angemessen. Und doch müssen wir zu Worten gelangen, die helfen das so schwer Deutbare zu deuten und angemessen und besonnen zu handeln. Schweigen und dann doch Worte finden, die aus dem Schweigen kommen und deshalb nicht unmittelbar aus dem Wunsch nach Rache, das ist uns bei unserem Taizé-Friedensgebet am Mittwochabend gelungen, wo aus dem Schweigen heraus viele ihre Bitten vorgetragen haben und so zu einem gemeinsamen Beten, das klärend wirkte, den Blick öffnend für Gottes Wort.

Die Bibel, liebe Gemeinde, wurde plötzlich in dieser Krise in Fernsehen und Zeitung öfters zitiert. Am Mittwochabend in den Tagesthemen kommentierte eine Journalistin: Es ist nun die Zeit, das Neue Testament einmal beiseite zu legen und im Alten Testament im Dritten Buch Mose nachzuschauen, wo es heißt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dieser Kommentar wurde von Theologen in einer Mailingliste stark kritisiert und dafür auf das Bibelwort verwiesen: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem (Römer 12,21). Immer wieder wurden in den Zeitungen auch auf die Vorstellung von der Endzeit verwiesen, von Harmageddon, der letzten Entscheidungsschlacht vor dem Weltende. Eine Pfarrerin erinnerte an Simson, den ersten Selbstmordattentäter, der uns bekannt ist, der einen Tempel der feindlichen Philister über sich und den versammelten Feinden zum Einsturz brachte. Meine Frau und ich haben für unser Taizé-Friedensgebet an Psalmübertragungen aus der Beerdigungsagende gedacht, um der Opfer zu gedenken.

Liebe Gemeinde, all das sind Worte aus der Bibel, Gottes Wort. Welches ist das richtige Wort für unsere Situation? Was kann uns helfen in der Vielfalt unserer Gefühle, in der Verwirrung der Krise? Welches Wort öffnet uns für den göttlichen Geist und hilft uns, zu handeln, wie es Jesus entspricht?

Alle Gefühle, die zu den genannten biblischen Worten passen, kommen ja in uns vor: der Schock, die Angst vor einem Krieg, der die ganze Welt erschüttert, die Trauer um die Opfer, die Solidarität mit den Opfern, der Wunsch nach Rache und die Ahnung, dass eine Eskalation der Gewalt und der Rache niemandem nützt. All diese Gefühle gehören dazu, jede und jeder hat sie, sie gehören zum normalen Trauerprozess, also dazu, sich allmählich einzustellen darauf, dass etwas Schreckliches passiert ist und alles verändert hat. Wir durchlaufen all diese Gefühle, aber am Ende sollten wir dort ankommen, wo wir zu besonnenem und vernünftigem Verhalten fähig sind. Dem entspricht das Pauluswort: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Wenn wir uns von diesem Bibelwort leiten lassen, dann folgen wir Jesus nach, der nicht Engelheere zur Hilfe rief, sondern den Weg ging der Gewaltlosigkeit, die am Ende die Gewalt überwindet. Am Ende hat die Jesusbewegung gegen das römische Reich gewonnen, auch wenn das 3 Jahrhunderte dauerte, auch wenn viel Verfolgung überstanden werden musste.

Liebe Gemeinde, was heißt das für uns als evangelische Christinnen und Christen in Deutschland? Die große Gefahr für unsere Welt ist ein gewalttätiger Zusammenprall der christlichen und der islamischen Welt. Dem sollten wir entgegenwirken, soweit wir können. Dabei ist es sehr beruhigend, dass die USA in ihren Kampf gegen den Terrorismus auch möglichst viele islamische Staaten einbinden wollen. Wir hier in Deutschland können dazu beitragen, dass islamische Mitbürger geachtet werden. Zugleich können wir im Gespräch mit Muslimen erwarten, dass der Terror von allen verurteilt wird und dass möglichst der Anpassungsdruck auch in islamistischen Bevölkerungen sich gegen jeglichen Terror und jeden Selbstmordanschlag richtet. Dazu gehört natürlich auch das Versprechen, für einen Frieden zwischen Israel und Palästina einzutreten und für einen sozialen Ausgleich in arabischen Ländern.

Liebe Gemeinde, kann man mit der Bergpredigt Politik machen? Kann man einen Staat verwalten mit der Vorstellung von Feindesliebe? So wurde anfang der 80er Jahre gefragt, als die Friedensbewegung versuchte, die amerikanische Nachrüstung mit Marschflugkörpern in Europa zu verhindern? Die Bergpredigt wurde in Zeitungen abgedruckt und oft wurden die, die für Abrüstung eintraten, als naiv bezeichnet. Viele Stimmen meinten, ein Leben entsprechend dem Gewaltverzicht der Bergpredigt ist ja für besonders gläubige Einzelne vielleicht möglich, aber nicht für ein hochkomplexe moderne Gesellschaft. Heute hat sich unsere gesamte Sicherheitslage verändert. Es gibt für uns keine Staaten mehr, die uns bedrohen. Was uns droht im 21. Jahrhundert, sind Terroranschläge. Wir brauchen militärisch kleine, bewegliche Einheiten. V.a. aber brauchen wir in einer globalisierten Welt die Verständigung zwischen den Kulturen, die Verständigung zwischen den Religionen, überstaatliche Organisationsformen, in denen es gewaltfreie Formen gibt, die Interessen auszugleichen.

Liebe Gemeinde, wir leben in einem reichen Land, dessen Stimme Gewicht hat in Europa und damit in der Welt. Aber was wir machen können, ist letztlich sehr wenig. Das Aussichtsreichste ist es, zu beten. Für die Opfer, die Angehörigen, für die Entscheidungsträger aber v.a. für den Frieden. Die Anschläge in den USA haben uns gezeigt, wie verletzlich wir letzten Endes sind und dass diese Unsicherheit nicht wirklich technisch, militärisch oder politisch beseitigt werden kann. Wir müssen mit Unsicherheit leben – und wir können dies nur mit viel Gottvertrauen, damit wir unsere Menschlichkeit und Fröhlichkeit trotz aller Gefahren nicht verlieren.

Verleih uns Frieden gnädiglich – das werden wir nachher als Schlussvers singen – und wir können nicht mehr, als das von Herzen zu beten und dementsprechend in unserer Umgebung für den Frieden einzutreten. Frieden beginnt wenn wir Böses mit Gutem überwinden. Dazu helfe uns der Gott, dem wir unseren Wunsch nach Rache anheimstellen.

Amen.


Quelle: Kanzelgruss.de

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