Predigt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann (Mainz), im Eröffnungsgottesdienst der Herbst-Vollversammlung im Hohen Dom zu Fulda am Dienstag, 25. September 2001

Liebe Mitbrüder im bischöflichen Amt, liebe Schwestern und Brüder!

Das Entsetzen über den Massenmord in den USA hat die Welt emotional aus den Angeln gehoben. Dies trifft auch jeden einzelnen von uns. Darum haben wohl auch viele Menschen in diesen vierzehn Tagen den Weg in die Kirchen gefunden, um dort über die Sprachlosigkeit nachzudenken und vor Gott Wege zu finden, um sie zu überwinden.

In den letzten Tagen häuften sich jedoch Gespräche, Briefe und Anrufe, in denen die Menschen ihre große Sorge zum Ausdruck brachten, die Welt könne nun rasch in eine ausweglose kriegerische Auseinandersetzung hineinschlittern, ähnlich wie in der Tragödie in Vietnam. Da wird es gut sein, bei aller Betroffenheit besonnen zu bleiben. Es dürfte klug und hilfreich sein, sich dabei an dem zu orientieren, was die Kirche in ihrer Verkündigung und Lehre bisher sagte, auch wenn wir die ganz außerordentliche, ja wohl einmalige Situation nicht verkennen wollen. An diesem einen Punkt ist der täglich gehörte Satz, seit dem 11. September 2001 sei nichts mehr, wie es einmal war, doch noch einmal zu bedenken. Unsere politische Kultur und auch die Friedensbotschaft der christlichen Kirchen haben durchaus für diese "Zeit danach" etwas zu sagen.

Unser umfangreiches Friedensdokument, das wir Bischöfe genau vor einem Jahr, am 27. September 2000, mit dem Titel "Gerechter Friede" verabschiedet haben, bekommt in diesen Tagen eine ganz neue Aktualität. Es wird gut sein, wenn wir uns dieses Textes erinnern. Das Dokument kann uns auch helfen, dass wir uns nicht zu sehr von der jetzt entstandenen Situation allein bestimmen lassen. Darin liegt der Vorzug von Lehre und Tradition gerade in unserer Kirche. Das darf uns aber nicht unsensibel werden lassen für die einmalige Herausforderung, vor der wir in diesen Tagen stehen.

Der christliche Glaube weiß, dass er geschehenes Unrecht in den allermeisten Fällen nicht einfach aufheben und zur "Normalität" zurückkehren kann. Freilich, wir verlangen Wiedergutmachung, soweit eine solche überhaupt möglich ist. Aber es kann auch bei größtem Unrecht nicht darum gehen, Vergeltung oder Rache zu üben, auch wenn wir Menschen von unserer konkreten Natur her dazu neigen, gerade in solchen Fällen unerbittlich Auge um Auge, Zahn um Zahn aufzurechnen.

Es soll kein Zweifel bestehen, dass man die Verantwortlichen für dieses Attentat aufspüren und vor Gericht stellen soll. Die Völkergemeinschaft kann nicht hinnehmen, dass solche Angriffe auf die Menschheitsfamilie ohne Konsequenzen bleiben. Dabei kann es nicht allein um ein paar hastig zusammengebastelte Sondergesetze gehen, wie z.B. einen Fingerabdruck im Pass, die Preisgabe des Datenschutzes oder verdeckte Ermittler mit problematischen Befugnissen, so sehr die Sicherheit der Menschen in allen Ländern noch besser gewährleistet sein muss. Aber Maßnahmen, die nun getroffen werden, dürfen sich nicht nur auf eine Art Rückschau auf das beschränken, was an Furchtbarem geschehen ist. Wir müssen wieder eine neue Perspektive für ein Leben der Menschen in Freiheit in der Zukunft gewinnen. Darum haben die Maßnahmen weitgehend den Sinn, künftige Anschläge solcher Art möglichst zu verhindern. Die Antwort muss jetzt in Richtung entschiedener Prävention und nicht bloßer Repression gehen. Dabei dürfen wir uns nicht im Wahn absoluter Sicherheit wiegen, die es niemals geben kann. Sonst würde unser Zusammenleben einem Gefängnis ähnlich werden oder in einen Überwachungsstaat münden.

Unter diesen Voraussetzungen hat sich die Deutsche Bischofskonferenz vor einem Jahr auch zur "Problematik bewaffneter Interventionen" geäußert. Ich möchte aus diesem Text einige Aussagen in Erinnerung bringen.

In solchen Situationen stellt sich vor allem die Frage, unter welchen Bedingungen die Anwendung von Gegengewalt gerechtfertigt sein kann:

Die Anwendung von Gegengewalt kommt nur als "ultima ratio" in Betracht, als äußerste und letzte Möglichkeit also, wenn alle anderen Mittel, um dem Recht einen Weg zu bahnen, erschöpft sind.

Auch wenn die Gewaltanwendung der Verteidigung elementarer Rechtsgüter dient, "bringt Gewaltanwendung rasch ein nur schwer begrenzbares Ausmaß von Leid mit sich; sie bedeutet deswegen ein schwerwiegendes Übel, mag es sich auch um das geringere Übel handeln." Die Gewaltanwendung entfaltet ihre Eigendynamik und endet oft in einem Übermaß von Gewalteinsatz. Getroffen wird dann hauptsächlich die Zivilbevölkerung.

Es wäre ein fataler Teufelskreis, wenn begangenes Unrecht durch eine erneute Ungerechtigkeit beglichen würde, selbst wenn das Verbrechen himmelschreiend war. Auch der gute Wille zur Bestrafung der Verantwortlichen und zur Verhinderung einer Wiederholung kann bei der heutigen wissenschaftlich gestützten, technologisch perfektionierten Waffengewalt zu fürchterlichsten Entschlüssen und Wirkungen führen. Der Abwurf der Atombomben im August 1945 auf japanische Großstädte steckt uns noch in den Knochen.

Wir leben in einer Zeit, die subtile und grobe Angriffe auf das Leben kennt. Darum fordern wir mit Recht und mehr als früher Gewaltverzicht. Deswegen mehren sich auch in der Kirche kritische Stimmen gegen ein Recht und erst recht den Vollzug der Todesstrafe und gegen die Erlaubnis zur Tötung in einem "gerechten Krieg". Wir erblicken eine Ausnahme am ehesten noch in der unmittelbaren Notwehr gegenüber einem Angreifer, besonders wenn es um unschuldige Wehrlose geht ("Nothilfe"). So erscheint es "fraglich, ob es jenseits unmittelbarer Notwehr zur Verteidigung von Leib und Leben Ziele gibt, die den Einsatz militärischer Gewalt rechtfertigen können". In jedem Fall ist bei der Erwägung von Gewaltanwendung "ein größtmögliches Maß an Sorgfalt in der Prüfung der zu erwartenden Folgen" notwendig.

"Gewaltärmere Mittel und Maßnahmen, die weniger Leid und Zerstörung mit sich bringen, sind immer vorzuziehen". Es muss außerdem eine hinreichende Wahrscheinlichkeit gegeben sein, dass das Ziel einer bewaffneten Intervention tatsächlich erreicht wird, wobei die Verhältnismäßigkeit der angewendeten Mittel nicht übersehen werden darf. "Jede militärische Intervention muss mit einer politischen Perspektive verbunden sein, die grundsätzlich mehr beinhaltet als die Rückkehr zum status quo ante (früheren Zustand). Denn es reicht nicht aus, aktuelles Unrecht zu beheben. Es geht darum, es auf Dauer zu verhindern." Alle Maßnahmen sollten in ein Gesamtkonzept eingebettet sein.

Die Kirchen haben keine Autorität und Kompetenz, diese Grundsätze in die politische und militärische Praxis umzusetzen. Darum können sie auch die anstehenden Probleme selbst nicht lösen. Aber sie können grundlegende Kriterien für eine Anwendung von Gewalt aufstellen und dafür die Gewissen schärfen.

Dies kann wohl nicht ohne eine erweiterte Reflexion geschehen, die ich freilich nur noch andeuten kann. Wir müssen verhindern, dass der Islam zu einem Feindbild wird. Unser Feind ist der Terrorismus. Wir brauchen eine verstärkte Offenheit gegenüber fremden Kulturen, ohne unsere Herkunft zu verleugnen und unsere Kultur zu vernachlässigen. Aber auch das Armutsgefälle in der Welt ist sicherlich eine Brutstätte für den internationalen Terrorismus, so verabscheuungswürdig dieser ist. Die Schattenseiten der Globalisierung werden zu wenig ernst genommen, selbst wenn sie gewiss auch armen Völkern viel Segen bringen kann. Die Eindämmung der terroristischen Gewaltanwendung und alle präventiven Maßnahmen müssen auch hier wirksam ansetzen.

Der Frieden ist nur durch große Opfer und Verzichte zu gewinnen. Auch Jesus konnte uns den Frieden untereinander und für die Welt nur am Kreuz schenken. Daher brauchen wir immer wieder die erneute Einkehr beim Evangelium des Friedens und des Lebens. Der heilige Niklaus von Flüe, den wir heute in der Kirche feiern, kommt zwar aus einer anderen Zeit auf uns zu, im Kern zeigt aber auch er in der Nachfolge Jesu Christi durch sein Leben auf, worum es geht. Dies ist besonders aufbewahrt in einem kleinen Gebet des Bruders Klaus:

"O mein Gott und mein Herr,
nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
O mein Gott und mein Herr,
gib mir alles, was mich fördert zu dir."

Nur so können wir ein wahres Werkzeug des Friedens werden. Amen.


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Quelle: Deutsche Bischofskonferenz