Predigt von Kardinal Georg Sterzinsky

Ökumenischer Gedächtnisgottesdienst im Berliner Dom
am Mittwoch, 11. September 2002


- Abschrift auf Grundlage der Liveübertragung des ZDF, ohne Gewähr, es gilt das gesprochene Wort -


Predigttext: Die Seligpreisungen, Matthäus 5


Liebe Schwestern und Brüder in Christus unserem Herrn, sehr verehrte Gäste, liebe Hörende, Zuschauende und Mitbetende an den Empfängern daheim!

Es hat seine eigene Bewandtnis, dass wir des Geschehens vom 11. September des vergangenen Jahres in einem Gottesdienst gedenken. Jahresgedächtnisse sind zwar eines der ältesten Motive für den Kult. Und als einem Katholiken ist mir die liturgische Feier zum Jahresgedächtnis des Todes eines Verwandten oder eines nahestehenden Menschen als übliche Praxis bekannt. Aber Gottesdienste zum Gedenken an Katastrophen sind - heute jedenfalls - eine Ausnahme.

Doch ein Ereignis, das als ein Fanal einer bevorstehenden, womöglich gefürchteten Entwicklung gewertet wird, z.B. der erste Atombombenabwurf am 6. August 1945, darf nicht nur als Faktum in den Geschichtsbüchern vermerkt werden. Von dieser Art ist auch das Geschehen, das am 11. September des vorigen Jahres die Welt erschütterte.

Wir müssen seiner gedenken und wir tun es in einem Gottesdienst. Dabei wagen wir es, die Seligpreisungen aus dem Munde Jesu als eine gute, als eine helfende, eine weiterführende Botschaft zu verkündigen. Ich bin mir natürlich bewusst - als Magna Charta der christlichen Lebensordnung zweifellos anerkannt - ist doch oft und oft diskutiert worden, ob dieses Kernstück der Bergpredigt wohl für ein politisches Programm tauglich sei.

Doch hier geht es nicht um ein politisches Programm. Es geht hier um ein ehrliches Bemühen, aus christlichem Geist auf die schrecklichen Ereignisse vom 11. September 2001 zu reagieren. Es geht darum, Leid zu überwinden, Kräfte gegen Gefahren zu mobilisieren und es geht darum, offen zu werden.

Jesus Christus spricht: "Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden." Wir dürfen ruhig stocken - selig die Trauernden? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Ja gewiss, Trauernde sind nicht selig. Aber: Glücklich zu preisen sind sie, wenn ihnen die zuverlässige Zusage gegeben wird, dass sie getröstet werden.
Es gab, meine Schwestern und Brüder, am 11. September und danach viele Trauernde. Und wir haben sicherlich alle Verständnis, wenn die von den Ereignissen Betroffenen immer noch trauern. Wenn sie nicht vergessen und das Erlittene nicht einfach abtun können. Wir hören ja von gravierenden Langzeitfolgen, die die Terroranschläge ausgelöst haben. Was ist mit den Traumatisierten, die nicht mehr zu einem Leben zurückkehren können, wie sie es vor dem 11. September geführt haben? Was ist mit den Kindern, deren Eltern umgekommen sind? Mit den Menschen, die ihren Lebenspartner, ihre Lebenspartnerin verloren haben und über den Tod nicht einfach hinwegkommen? Unmittelbar Betroffene also, die am Ort des Geschehens dabei waren und deren nächste Angehörige, von denen einige unter uns sind.

Aber sind nicht unfassbar mehr, mittelbar jedenfalls, betroffen? Das war ja das "eigene" der Ereignisse des 11.September: Wir spürten, so schrecklich die große Zahl der Getöteten und Verwundeten ist, der Anschlag galt ja sehr viel mehr Menschen ! Bis heute ist schwer auszumachen, wem eigentlich.

Den freiheitlichen, demokratischen Staaten? Der großen oder einer großen Militär- und Wirtschaftsmacht? Den Religionsgemeinschaften, die einfach zu den Ungläubigen gezählt werden, oder bekennenden Nichtglaubenden?
Jedenfalls haben Menschen weltweit empfunden: Überall kann ähnliches passieren. Allerorten drohen Gefahren. Und die Bedrohung ist geblieben. Die Schuldigen, die hinter allem stehen, sind noch nicht gefasst und unschädlich gemacht. Und wir vernehmen kein Zeichen von Einsicht und Bedauern. Unnötige Schrecken, Panikmache ?
Wohl nicht, sonst würden nicht so viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden müssen. Der Einsatz der Kräfte ist ja gewiss nicht einfach eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Und doch gilt Jesu Wort: Selig die Trauernden. Selig die Leidtragenden. Ihnen wird allen Ernstes eine gesicherte und beglückende Zukunft zugesagt. Ja, freilich, bis sie Wirklichkeit wird muss noch allerhand geschehen.
Wir Menschen - ich schließe die Politiker mit ein - fühlen uns, wenn auch nicht ganz machtlos, so doch nicht im Stande die Ursachen für die Unsicherheiten und gefährdungen unseres Lebens und seinen Glückes zu beheben.

Glückliche und gesicherte Zukunft ? Reale Chance oder Utopie ? Bitte nur keine Lähmung aus Resignation. Und dass doch nichts unterlassen wird, was dem Frieden und dem Suchen nach Sicherheit dienen kann, das menschlichen Kräften möglich ist.
Durch die Politiker, durch die Ordnungskräfte, auch durch die Militärs, aber durch alle Demokraten.

Die Seligpreisungen des Evangeliums aber meinen noch etwas anders: Gott, meinen die Seligpreisungen, wird die Ursache des Leidens beheben. Weil er die Welt, weil er insbesondere die Menschen von innen verwandeln wird. Er wird ihnen ein neues Herz geben und so das Böse überwinden.
Dies ist unsere Hoffnung. Und die Gründe letztlich im Geschick Jesu. Hinter den Seligpreisungen steht ja Jesu Lebensweise und seine Art, die Welt vom Bösen zu befreien. Er war arm und gewaltlos, er dürstete nach Gerechtigkeit, war barmherzig, er war reinen Herzens und ein Friedensstifter, er erduldete Verfolgung und er war auch traurig über den Zustand dieser Welt.
Wie hat er doch geweint, als er das Schicksal Jerusalems voraussah!

Und wurde doch der Erlöser. Er hat zwar den Tod erlitten, aber er hat ihn auch überwunden. Er erspart ihn uns allen nicht, aber er führt uns hindurch, wenn sein Weg unser Weg wird. Wenn die Kräfte des Lebens, die den Tod überwinden, schon jetzt wirksam werden, dann haben wir zwar immer noch Anlass und Grund zur Trauer und sind doch selig zu preisen.

Amen.


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