"... dünn wie Papier"

Andacht zum Terroranschlag am 11. September 2001 in den USA
Ort: Ev. Christuskirche Husum
Prediger: Pfarrer Martin Hofmann

- es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Gemeinde, wir haben uns an Terroranschläge gewöhnt. Jeden 2. Abend hören wir in den Nachrichten von Attentaten in Israel/Palästina, von Drohungen und Vergeltungsmaßnahmen, mörderischen Selbstmördern und eskalierender Gewalt. Wir schütteln mit den Kopf, können uns nicht vorstellen wie fanatisch Menschen sein können und sind der Nachrichten manchmal müde. Doch spätestens gestern merken wir: Das hat etwas mit uns zu tun.

Die sogenannte westliche, die sogenannte zivilisierte Welt befindet sich in einem Krieg, der nicht zu gewinnen ist. Mit einem eigentümlich perversen Respekt fragten sich gestern die Moderatoren und Experten, wer finanziell und logistisch in der Lage sei, solche Grausamkeiten zu planen und durchzuführen. Mit dem World Trade Center und dem Pentagon trafen die Attentäter die Schaltstellen der sogenannten westlichen und sogenannten zivilisierten Welt: Die Macht der Wirtschaft und des Militärs. Der verwundete Riese Amerika schreit auf und versichert, dass alles, was nötig ist - all nessecary - getan wird, um die Vereinigten Staaten zu schützen.

Und wir träumen weiter mit ihm den Traum der Unverwundbarkeit, als wüssten wir nicht zu genau, dass keine Macht der Welt uns schützen könnte vor entführten Kamikaze-Boings, die in ein Frankfurter Hochhaus rasen, vor Giftgasattentaten in einem Berliner U-Bahnschacht, oder vor Sprengsätzen in einer Hamburger Einkaufspassage. Wir sind wehrlos gegen solche Anschläge. Mögen wir auch noch glauben, wir könnten einen angeblich ehrlichen und ehrenvollen Krieg von Land zu Land gewinnen: Wir befinden uns in einem Krieg, der nicht zu gewinnen ist.

Und spätestens seit gestern ist klar: Ein Krieg ist keine Frage der Ehre. Es ist auch keine Frage von Schuld und Unschuld. Wahrscheinlich mussten gestern Tausende von Unschuldigen sterben. Nur diesmal wurden die Unschuldigen nicht von irgendeinem Land zum Krieg offiziell eingezogen. Stell dir vor es ist Krieg und nur ein paar wenige gehen hin, Von Kind auf gedrillt auf den Feind, gelockt mit dem Paradies der gefallenen Helden, geblendet mit einer Auslegung islamischen Glaubens, die Allah nur klein macht.

Es sind nicht viele, aber es reicht mit entsprechender Planung, entsprechenden Finanzen, entsprechenden Kontakten in alle Welt. Wir sollten uns davor hüten, offene militärische Konflikte als ehrenhafter oder ehrlicher anzusehen. Terrorismus ist die militärische Konsequenz des wirtschaftlichen Rationalismus: möglichst große Effektivität bei möglichst niedrigem Einsatz. Ein, zwei Dutzend Leute genügen, um die Welt ins Wanken zu bringen. Wir sind angeekelt von so viel Feigheit, wir sind fassungslos, uns fehlen die Worte.

In der letzten Woche mussten wir einen unserer Rehabilitanden beerdigen. Jemand meinte zu mir, die Kirche machte bei der unaussprechlichen Trauer zu viele Worte. Sie hatte Recht. Angesichts des Todes können wir vor Gott nur klagend schweigen. Doch vor der Welt ist es anders: Angesichts des Todes Hunderter von Menschen dürfen wir nicht schweigen - auch wenn wir es wollen. Wir dürfen nicht fassungslos sein. Wir dürfen nicht sprachlos sein. Wir dürfen auch nicht mit Floskeln unser Schweigen überbrücken. Wer in solchen Situationen nicht eindeutig spricht, überlässt dem Bösen das Wort.

Wir lösen die Gewalt nicht wenn wir nach Vergeltung schreien. So wichtig es ist, die Drahtzieher zur Verantwortung zu ziehen. Wir können das Böse nur mit Gutem überwinden, wie es im Römerbrief heißt, konkret: am Festhalten an der Versöhnungspolitik zwischen der israelischen und arabischen Welt, an einer gerechteren Wirtschaftspolitik, an der Verständigung zwischen den unterschiedlichen Kulturen.

Der Boden, auf dem Frieden wachsen kann, ist dünn wie Papier, Wer jetzt als angebliche Weltmacht seine Muskeln spielen lässt, schafft nur eins: Märtyrer, die nur zu gern bereit sind, sich zu opfern, wenn es um eine angeblich gute Sache geht. Nicht Terroristennester müssen ausgeräuchert werden, sie werden überall neu wieder entstehen. Der Glaube muss ausgerottet werden, dass irgendein Mensch so sehr die Wahrheit besitzt, dass es ihn berechtigt, anderen das Leben zu nehmen.

Das alles ist unbefriedigend, keine klare Lösung, kein Patentrezept. Frieden wächst auf papierdünnen Boden. Doch es ist die einzige Möglichkeit, die Toten von gestern zu ehren, nicht als Futter für neue Feuer von Gewalt und Gegengewalt, sondern als Zeichen für die neue Perversion eines alten Krieges. Kein Tod wird dadurch sinnvoller. Aber es wird auch keiner sinnloser. Das einzige, was wir tun können.

Amen.


Quelle: Kanzelgruss.de

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