Pfarrer Michael Häußler
Dreieinigkeitskirche und Alte Kirche, Dortmund
23. September 2001


über: 1. Petrus 5,7ff.

All Eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch! So haben wir es gehört in der Lesung aus dem 1. Petrusbrief.

Es gibt so vieles, über das wir uns in diesen Tagen der Furcht Sorgen machen: Der Weltfrieden und wie es weiter geht mit den Terroranschlägen. Wie viele Menschen in New York und anderswo werden sich sorgen um ihre Angehörigen, die nach dem Anschlag auf das World Trade Center verschwunden sind und möglicherweise zu den Opfern gehören?

Das sind große, massive Sorgen, nicht jene ganz kleinen, die einen hin und wieder einmal treffen wie kleine Nadelstiche, wenn es einem einmal doch etwas zu gut geht. Es sind Sorgen, die uns nicht schlafen lassen in der Nacht und die einem auch am Tag beim Hören und Sehen der Nachrichten die Ruhe rauben. Sie greifen nach uns, sie haben uns in der Hand. Sie beherrschen uns, graben Spuren in unsere Gesichter. Sie töten Vertrauen - der islamische Nachbar, ist er ein sogenannter Schläfer, der sich nun auf seinen Anschlag vorbereitet. Ja, die Sorgen machen Angst. Sie machen Leben schwer, ja an einigen Stellen nicht mehr so selbstverständlich möglich, wie das zuvor einmal war. Sorge macht Angst, und Angst frisst die Seele auf, so hat einmal jemand gesagt.

Da muss man doch was gegen machen!

Don't worry, be happy! Ein Lied zur Angstbekämpfung, ein moderner Slogan zum Sorgenabwerfen; ältere unter uns kennen ihn auf Deutsch unter dem Titel: Immer nur lächeln, immer vergnügt! Also: Einfach die Sorgen vergessen, sie in ein Gläschen Wein werfen. Einfach darüber hinweggehen, uns darüber hinwegamüsieren; the show must go on! Sie nur nicht hochkommen lassen, so dass sie von uns Besitz ergreifen.

Wenn das man ginge! Und selbst wenn: Leider wissen wir doch auch, dass das gar nicht hilft. Neue Nachrichten werden uns auf den Boden der Tatsachen hinunterholen. Und grenzenloser Optimismus erkennen wir als nichts anderes als ein Pfeifen in einem dunklen Keller.
Also: Ein falscher Weg! Sorgen zu vergessen, ängste zu unterdrücken, sie hinwegzuspülen mit den Anforderungen des Alltags, sie niederzutrampeln mit dem Optimismus des: Es wird schon wieder!

Es wird schon wieder! Nein, so einfach ist das nicht. Wir haben unsere Unschuld verloren, dass es von selbst geht und im Zweifelsfall hilft uns ja immer noch der Liebe Gott.

Wenn mir die Sorgen dieser Tage etwas beigebracht haben, so dieses, dass ich da nicht mehr ruhig hinwegsehen kann über das, was mir Sorgen macht und was mir eigentlich immer schon hätte Sorgen machen sollen.

Ich mache mir Sorgen um den DAX und um den Wert meines Aktiendepots. Aber welch ein Irrsinn steckt hinter diesem Wirtschaftssystem, das eine andere Welt in einer unvorstellbaren Armut belässt, wo ich mir Sorgen um den Kursabfall um 20% mache? Ich mache mir Sorgen um den Weltfrieden - aber wie deutlich habe ich denn wahrgenommen, wo überall und vor allem auch warum es in so vielen Teilen der Welt knallt. Meinen Urlaub hat es vielleicht gestört, weil man hierhin und dorthin einmal nicht fahren konnte - aber hat es meine Seele gestört, so dass ich mir Sorgen gemacht hätte?

Meine Sorgen zeigen mir, dass meine Verantwortung für diese Welt gefragt ist und eben nicht: All eure Sorgen werft von euch ab! Nein, nehmt sie auf, nehmt sie ernst, entdeckt mit anderen die gemeinsame Sorge auf Zukunft hin, die besser werden muss als diese sorgenvolle Gegenwart. Das sei unsere Sorge. Diese Sorge will uns der Liebe Gott gar nicht abnehmen. Die Weichen für die Zukunft stellen wir, wir haben sie, ob wir wollen oder nicht, schon längst gestellt und stellen sie auch immer wieder neu. Wir können ahnen, wie es weiter mit uns geht. Und deshalb und darum sollen wir uns sorgen. Und dafür ist es doch gut, all unsere Kraft einzusetzen, für unsere Kinder, für diese Gesellschaft, für alle Menschen, für die ganze Welt, für den Frieden und für die Gerechtigkeit, für diese Schöpfung, und nicht zuletzt auch für uns selbst. Es wäre schon töricht, nicht zu sorgen, leichtsinnig wäre es und verantwortungslos.

Noch einmal: Der liebe Gott nimmt uns diese Sorge nicht ab. Obwohl es in der Bibel eine Reihe von Aussagen zu geben scheint, die besagen: Der Mensch, der sich ängstlich sorgt um seine Zukunft, der traut Gott nichts zu. Was soll das unnütze Sorgen und Vorsorgen für eine Zukunft, die ja doch nicht zu ändern sei. Da gibt es das Gleichnis vom reichen Kornbauern, das Bild von den Lilien auf dem Feld und den Vögeln unter dem Himmel, die sich ja auch nicht sorgen müssen. Es sei genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe. Im Petrusbrief scheint's dann klipp und klar zusammengefasst, worauf es ankommt. Dort steht der Satz: "All eure Sorgen werfet auf ihn, denn er sorgt für euch!"

Lassen wir also die Dinge auf uns zukommen, der liebe Gott wird's schon machen. Ist es das, was wir im Blick auf die Zukunft gesagt bekommen?

Ich denke, so kann es nicht gemeint sein:

Dann wäre er das, was ihm seine Kritiker vorwerfen: religiöse Droge, Opium für das Volk, eine Märchenwelt, in die wir uns flüchten, wo wir der Sorgen nicht mehr Herr werden oder auch einfach nur sagen: Lass mich doch damit zufrieden! Die Zusage Gottes an uns ist keine Legitimation, Sorgen einfach auf ihn abzuwälzen, wo der Druck der Angst zu groß wird, unsere Verantwortung aufgeben zu dürften, unsere Aufgabe zurückzugeben, wo sie uns unlösbar erscheint?

Das wissen wir doch, liebe Gemeinde, dass wir das Entscheidende immer noch entscheiden müssen, dass wir zu unserer Zukunft immer noch und immer wieder etwas zu tun und beizutragen haben. Solcher Sorgen werden wir nicht ledig. Und dürfen wir auch nicht ledig werden, weil solche Sorge nämlich unsere Liebe zur Welt und zu den Menschen wach hält.

"All eure Sorgen werfet auf ihn, denn er sorgt für euch!" -

Allerdings: Die Angst soll nicht unsere Seele fressen, der Teufel, der Widersacher, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingt (1Pe 5, 6), der soll nicht letzte und ausschließliche Macht über uns haben. Unsere Fragen nach der Zukunft sollen nicht von unserer Angst, keine Zukunft mehr zu haben, erstickt werden. Unser Einsatz, unsere Arbeit für unsere und unserer Kinder Zukunft soll nicht gelähmt werden durch Resignation, die meint, es ändere sich ja doch nichts. Unsere Entscheidungen und unser Plänemachen sollen nicht von vornherein gegenstandslos werden dadurch, dass schon alles entschieden ist. Frei sollen und dürfen wir in Bezug auf unsere Zukunft entscheiden können, frei nämlich von der unser Leben ständig begleitenden Angst, es könne ja doch schon alles verloren sein, es könne alles sinnlos gewesen sein, frei von der Angst, der Schmerz, das Leid, das Versagen in unserem Leben könne uns überwinden. Der Teufelskreis der Angst in unserem Leben, der muss uns nicht weiter gefangen halten.

In diesem Sinn freie Entscheidung über das eigene Leben meint auch, dass die Entscheidungen offen ist, weil die Zukunft offen ist. Und immer wieder stehen wir vor dieser Entscheidung. Das Fragen, das Sorgen für die Zukunft sind uns nicht abgenommen. Allerdings stehen wir mit dem Wort aus dem Petrusbrief im Ohr nun vor der Alternative, vor den beiden gegensätzlichen Möglichkeiten dessen, was unser Fragen und Sorgen bestimmt:

Sorgen wir für unsere Zukunft in der Hoffnung und Zuversicht auf Leben, wie es uns in der Bibel eröffnet ist? Oder sorgen wir uns um eine Zukunft voller Angst vor der Erfahrung von Sinnlosigkeit und Scheitern?

Das Sorgen für unsere Zukunft - aber in Hoffnung - kann uns frei machen. Wir können den Ausbruch wagen aus scheinbar unvermeidlichen Zwängen, die uns die Angst auferlegt. Wir lassen die bohrenden Fragen an unsere Welt und unsere Zukunft zu und haben den Mut, nach der Antwort Gottes auf unsere Fragen auf Zukunft hin zu leben.

Und deshalb, nur deshalb: All Eure Sorge werft auf ihn! Wir sind angesprochen, uns darauf einzulassen, vielmehr noch: Uns darauf zu verlassen , Heute, Morgen und jeden Tag, liebe Gemeinde, dass wir danach und darin leben.

Amen

(c) Michael Häußler

1. Petrus 5, 7ff.  |  Zurück zum Textanfang

(7) All Eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für Euch.
(8) Seid nüchtern, wacht! Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könne.
(9) Dem widersteht standhaft durch den Glauben, da ihr wißt, daß dieselben Leiden sich an eurer Bruderschaft in der Welt vollziehen. Segenswunsch und Grüße.
(10) Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, er selbst wird [euch], die ihr eine kurze Zeit gelitten habt, vollkommen machen, befestigen, kräftigen, gründen.
(11) Ihm sei die Macht in alle Ewigkeit! Amen.
(12) Durch Silvanus, den treuen Bruder, wie ich denke, habe ich euch mit wenigen [Zeilen] geschrieben und euch ermahnt und bezeugt, daß dies die wahre Gnade Gottes ist, in der ihr steht.
(13) Es grüßt euch die Miterwählte in Babylon und Markus, mein Sohn.
(14) Grüßt einander mit dem Kuß der Liebe. Friede euch allen, die in Christus sind!


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Quelle: Predigten.de