"Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?"

Andacht zum Terroranschlag am 11. September 2001 in den USA
Ort: Ev. Kirchengemeinde Bövinghausen / Dortmund
Predigttext: Röm 8 (in Auswahl)
Prediger: Pfarrer Peter Lübbert

- es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein berühmter Astronom im Mittelalter hat einmal gesagt. Gebt mir einen Punkt im Weltall, an dem ich mich fest machen kann und ich hebe die Welt aus den Angeln. Ich denke, die Attentäter vom letzten Dienstag haben einen solchen Punkt im übertragenen Sinne gefunden. Seit den grauenhaften Anschlägen auf tausende von unschuldigen Menschen in den beiden Hochhaustürmen und im Pentagon ist nichts mehr so, wie es vorher war. Der 11. September 2001 wird eingehen als eine Zäsur in die Geschichtsbücher. Schon sprechen die Amerikaner vom ersten Krieg im neuen 21. Jahrtausend. Und wer wollte es ihnen übel nehmen angesichts des grauenhaften Szenarios, das sich den Fernsehzuschauern live bot. Mein Sohn, der beim Mittagessen nach der langen Schule Fernseh schaute, kam aufgeregt in mein Arbeitszimmer und sagte, Mach 'mal deinen Fernseher an, da ist etwas Unvorstellbares passiert. Mochte man nach dem ersten Flugzeug noch an ein Unglück denken, spätestens beim Anflug des zweiten war klar, dies ist ein Anschlag, eine Kriegserklärung gegen Amerika und damit auch gegen unsere westliche Zivilisation. Tränen in den Augen, schockiert, fassungslos und sprachlos habe ich zappend vor dem Fernseher gesessen. Ich habe die Fernbedienung gedrückt und gehofft, dass ein anderer Sender berichtet, dass das alles nicht wahr ist, dass es nur ein schlechter Hollywood-Reißer ist, für den Werbung gemacht wird.
Aber: Es ist wahr! Ich bin traurig und wütend. Ich bin entsetzt über die jubelnden Menschen in Palästina und über die, die in einem Interview erklären, dass sie sich um solche Einsätze reißen und streiten und es als Ehre empfinden, ihr Leben zu geben für eine "heilige" Sache. Ich fühle mich leer und ausgepumpt, finde keine Worte und bin einfach entsetzt darüber, wozu der Mensch imstande ist - immer noch, nachdem doch schon soviel Leid Menschen ihren Mit-Menschen zugefügt haben. Mir fallen die vielen kleinlichen Kleinkriege des Alltags ein und unsere stete Bereitschaft, den Mit-Menschen über die Klinge springen zu lassen, ihn kleinzukriegen, um selbst groß und gut da zu stehen. Entsetzlich! Aber diese Bilder ... sie lassen mich nicht los ... es ist der Mensch, der den Menschen bedroht, ihn fertigmacht - tausendfach. Der Mensch, den Gott geschaffen hat, ist bereit, das zu tun, was ihm möglich ist. In der Boshaftigkeit der Seele unterscheidet sich der Terrorist nicht vom Kinderschänder oder Drogenhändler. In den Auswirkungen aber liegen sie meilenweit auseinander. Wir genießen an vielen Stellen den technischen Fortschritt, freuen uns über Computer und schnelle Flugzeuge, über das zusammenwachsen von Menschen auf der ganzen Welt. Und dann kommen nur ein paar, und sind in der Lage, nur mit Messern und Rasierklingen bewaffnet, Tausende in den Tod zu schicken, all das vermutlich noch im Namen Gottes ... wieder einmal sind wir auf drastische und schreckliche Weise damit konfrontiert, wie verletzlich unsere Welt und damit wir selbst im Grunde genommen sind. All die Milliarden, die USA ausgibt für die Sicherheit, all die Tausend Menschen, die im Pentagon für die Sicherheit arbeiten haben nichts ausrichten können gegen zehn Leute mit Messern bewaffnet und mit tiefem Hass erfüllt. Einen festen Punkt im Weltall haben die Terroristen gefunden, um diese Welt aus den Angeln zu heben. Der feste Punkt ist der Hass. Hass, der eine fürchterliche Ernte eingefahren hat. Was geht in den Köpfen von Menschen vor, die still und heimlich, kalt und berechnend eine solche Bluttat vorbereiten können. Wieviel an Verletzung muss in ihrem bisherigen Leben geschehen sein, wieviel an Verblendung und Propaganda geschult worden sein, bevor sich Menschen auf eine solche Einbahnstraße des Todes für sich und andere begeben? Mit Recht hat Bischof Huber in Berlin in der Hedwigskathedrale im zentralen Gottesdienst einen Tag danach davon gesprochen, dass keinerlei Religion und Glaube sich auf Gewalt und Hass berufen kann. Kein GOTT; mag er der Vater Jesu Christi sein, mag er Allah - der Erhabene oder Jahwe, der Unergründliche genannt werden oder sonst einen Namen einer Gottheit haben, kein GOTT rechtfertigt irgendwo das Abschlachten unschuldiger Menschen. Nirgendwo können sich Gläubige auf Hass und Gewalt berufen. Wer dies dennoch tut, missbraucht den Namen Gottes, aus welchen Gründen auch immer.

Der Hass hebt diese Welt aus den Angeln. Was haben wir - besonders als Christen dagegen zu setzen. Wo ist unser fester Punkt im Leben, mit dem wir diesem Hass entgegentreten können? In diesen vergangenen fünf Tagen haben Menschen in der ganzen Welt Halt und Trost gesucht in ihrem Glauben, sie haben spontan die Kirchen besucht, haben sich an symbolischen Orten wie hier z.B. an der Weltkugel auf dem Dortmunder Friedensplatz eingefunden, um einander in ihrer Sprachlosigkeit und Trauer nah zu sein, sich gegenseitig zu stützen und gemeinsam zu klagen. Weinend lagen sich Menschen in den Armen. - Ja gemeinsam lassen sich diese Lasten der Trauer und Wut und Sprachlosigkeit besser tragen. Instinktiv wissen wir Menschen, dass unser fester Punkt, an dem wir uns festmachen, nur unser GOTT sein kann, der uns in Jesus Christus als der leidende und solidarische Friedensgott erschienen ist.

Der Apostel Paulus selbst ist von diesem GOTT gewandelt worden als er auf der Straße nach Damaskus voller Wut und Fanatismus seinen Feinden hinterher jagte und sie stellen und töten wollte. "Warum verfolgst du mich?" - sprach die Stimme GOTTES zu ihm. Aus Saulus wurde Paulus. Als Apostel trug er die Botschaft von der Versöhnung in die damalige Welt und gab sein Leben dafür. Paulus legt Rechenschaft ab von dem Angelpunkt, an dem er sein Leben festmachte: Paulus schreibt im Römerbrief 8, 14-39:


[14] Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. [15] Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß ihr euch abermals fürchten müßtet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! [ ...] 16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind. [17] Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden. [18] ... Denn ich bin überzeugt, daß die Leiden dieser Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. [19] Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, daß die Kinder Gottes offenbar werden.

[20] Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit - ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung; [21] denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. [22] Denn wir wissen, daß die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstigt. [ ... ] [26] Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. [ ... ] [28] Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluß berufen sind. [ ... ]

[30] Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht. [31] Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? [ ... ] [35] Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? [ ... ] [38] Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, [39] weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.


Der Dreh- und Angelpunkt, in dem wir Christen angebunden und festgemacht sind, ist die Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Niemand kann uns von GOTT wegreißen, es sei denn, wir selbst ließen los. Die Liebe GOTTES ist der Fixpunkt in unserem Leben, mit dem wir den Kampf gegen den Hass aufnehmen können. Gott schenke allen Menschen ausnahmslos seinen heiligen und heilenden Geist. Er lasse uns alle und überall zu Menschen werden und Menschen sein, die aus seinem Geist leben und von ansteckender Gesundheit sind. Im Gebet fühlen wir uns verbunden mit allen, die trauern, leiden, klagen fragen, suchen, ja auch schreien und mit letzter Kraft hoffen und vertrauen auf Gottes Nähe, Wärme und Liebe, überall da, wo der Hass in der Welt triumphiert. Ich bin froh, dass auch wir uns zum gemeinsamen Gebet einfinden und dem Terror betend die kalte Schulter zeigen und zugleich eine Solidarität entgegenhalten, die gespeist und getragen ist von einem Gott, dem solche Taten zuwider sind und der leidet an Menschen, die zu solchen Taten sich hinreißen lassen. Es ist gut, dass an so vielen Orten gebetet wird. Ich hoffe, dass alle Beterinnen und Beter ihr Gebet zur Tat werden lassen und im Geiste Jesu mitbauen an einer Welt, wie Gott sie gedacht hat - eine Welt, in der nicht solche ungeheuerlichen Anschläge auf der Tagesordnung stehen sondern ein achtsamer Umgang miteinander, der uns sagen lässt: Es ist schön, Mensch unter Menschen zu sein und auf diesem schönen Planeten zu leben und einander Anteil zu geben an der bunten Vielfalt und dem Reichtum von Leben und Lebendigkeiten.

Amen.


Quelle: Kanzelgruss.de

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