Pfarrer Peter Oberthür
Dorndorf-Steudnitz (bei Jena)
23. September 2001


über: Lukas 17, 5-6

"Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen" sagt Jesus im Lukasevangelium.

Bekannter noch dürfte vielen die Fassung sein, in der Matthäus diese Worte Jesu überliefert: Bei ihm sagt Jesus:

"Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Heb dich dorthin!, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein." Glaube, so sagt es denn auch das daraus entstandene Sprichwort, kann Berge versetzen.

Nun, in unsern Breiten, wo es die Menschen allermeist mit dem Glauben nicht mehr so genau nehmen, war diese Erfahrung vielleicht nicht mehr so aktuell und greifbar. Aber innerhalb von 2 schrecklichen Stunden sollte die ganze Welt auf grausame Weise daran erinnert werden, welche Kraft der Glaube haben kann:

Er kann nicht nur Berge versetzen, sondern er kann die höchsten Wolkenkratzer zum Einsturz bringen, Abertausende Menschenleben vernichten, eine Weltmacht in Angst und Schrecken versetzen, die Börsen der Welt durcheinander wirbeln und die gesamte weltpolitische Lage innerhalb eines Tages dramatisch verändern, die Menschheit an den Abgrund eines neuen Welt-Krieges führen.

Fanatischer Glaube war es, der die islamischen Terroristen dazu verleitet, ja ermutigt und befähigt hat, ihre ganze Kraft, ihren Verstand und sogar ihr Leben herzugeben, zu opfern, um die Feinde ihres Gottes - so wie sie ihn sehen - ins Herz zu treffen und Tausende unschuldige Menschen mit in den Tod zu nehmen.

Man kann diesen mörderischen Fanatikern alles Mögliche vorwerfen aber jedenfalls ganz sicher nicht, daß sie feige waren oder verzweifelt - ihre Tat ist nicht der letzte Ausweg aus einer ausweglosen Situation sondern die bewußte und, wie wir aus Berichten von palästinensischen Terrorcamps wissen - geradezu freudige, begeisterte Entscheidung für den Märtyrertod um der Sache ihres Glaubens willen. So stark hat sie ihr Glaube gemacht, daß sie des eigenen Lebens genauso wenig achten wie das tausender anderer.

"Was aber ist das für ein Glaube, der zu solch grausamer Gewalt fähig macht?!", empören sich Menschen in der ganzen Welt zu Recht.

Und schnell ist ein vernichtendes Urteil der Christen, Juden und Atheisten in aller Welt über den scheinbar so intoleranten und unmenschlichen Islam zur Hand. Schon werden Menschen moslemischen Glaubens in den westlichen Ländern angefeindet und bedroht, weil man in ihnen und ihrer Religion den Hauptfeind der heutigen Menschheit ausmachen zu müssen meint.

Und viele, die immer schon ein tiefes Mißtrauen gegen alle Fremden und die Ausländer im eigenen Land gehegt haben, fühlen sich bestätigt und bestärkt in ihrer ablehnenden oder gar verdammenden Haltung. Aber wer sich auch nur einen Augenblick lang besinnt auf die eigene Geschichte (auf welchem Platz der Erde auch immer) dem wird schnell klar, daß Terror und Fanatismus, Krieg und Mord, Gewalt und Unterdrückung in der Welt nicht etwa nur von Muslimen oder von Fremden ausgeht und ausgegangen ist.

Wie oft in der Geschichte verband sich der Versuch, die anderen vom eigenen Glauben, von der eigenen Weltsicht zu überzeugen, mit Gewalt und Brutalität, mit Verboten und Pogromen, mit Kriegen und Metzeleien. Das gab und gibt es in der Geschichte des Judentums, des Christentums, des Islam, des Hinduismus (denken sie nur an Palästina, an Nordirland, an den Kosovo, an Indien und Pakistan, an Indonesien).

Die Geschichte der Religionen ist - nicht nur, aber eben auch - eine Geschichte der Kriege, der Gewalt, des Blutvergießens und des Hasses. Aber nicht etwa nur die Geschichte der Religionen - das gäbe all denen Recht, die dem Glauben und der Religion den Rücken gekehrt haben, weil am Ende doch nichts Gutes dabei heraus kommt und es besser ist, der eigenen Vernunft zu gehorchen.

Vielmehr sind ja auch die Opfer des Atheismus Legion, ob nun des Kommunismus, des Stalinismus oder des Nationalsozialismus - was haben nicht gerade auch wir Deutschen im fatalen Glauben an den sog. Führer für Terror und Leid über die halbe Welt gebracht.

Und selbst die sogenannte ökonomische Vernunft der kapitalistischen Weltwirtschaft geht heute tagtäglich und ganz unmerklich über die Leichen von Millionen Armen auf der ganzen Welt im Glauben an den freien Markt und an das Geld. Und was erst wurde nicht schon gemordet und gewütet auf der Welt ausgerechnet im Namen von Gerechtigkeit und Freiheit. (angefangen von der franz. Rev. über den komm. Terror, das Pol-Pot-Regime,... bis hin zur RAF). Der blindwütige Terror ist keine Erfindung fanatischer Islamisten.

Immer und überall auf der Welt gab es Menschen, denen ihr eigener Glaube das scheinbare Recht und die Kraft und den Mut gab, unter Opferung des eigenen Lebens fremdes Leben zu vernichten, Städte und Dörfer in Schutt und Asche zu legen, Berge zu versetzen, Bäume zu entwurzeln, ganze Landschaften zu zerstören, Menschen, denen nichts unmöglich war, weil ihr Glaube stärker war als alle Bedenken und ängste, stärker als alle menschlichen Regungen und Einwendungen des Herzens.

Es muß uns erschrecken, wozu ihr unbeugsamer Glaube Menschen befähigt. Sollen wir uns einen solchen Glauben wünschen? Einen Glauben, der Berge versetzen, Landschaften ruinieren, Wolkenkratzer vernichten, über Leichen kann? Nein. Davor bewahre uns Gott!

So sehr wir uns einen starken Glauben wünschen mögen - so wie die Apostel ihn sich wünschten, die Jesus baten: "Stärke uns den Glauben": Denn freilich, einen starken Glauben haben wir in dieser Welt nötig - und nach all dem, was in den letzten Tagen geschehen ist, nötiger als je.

Nichts brauchen wir jetzt so sehr, als das Vertrauen, daß diese Welt und wir Menschen nicht verloren sind, die Hoffnung, daß die Menschheit eine Zukunft hat, die Zuversicht, daß Gewalt und Haß nicht die Oberhand behalten werden über Sanftmut und Versöhnung, die überzeugung, daß Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen auf dieser Erde möglich ist.

Aber dieser Glaube allein genügt nicht. Und auch Verstand allein reicht nicht aus. Auch die Terroristen hatten einen starken Glauben und waren, nach allem, was wir von ihnen wissen, hoch intelligente Leute. Trotzdem hat ihnen etwas wichtiges gefehlt.

Und von diesem Wichtigen muß unter uns mehr denn je die Rede sein, weil wir ohne dieses Wichtige nicht auskommen und als Menschheit keine Zukunft haben. Das haben schon die Apostel gewußt und das hat uns einer von ihnen in einem der poesievollsten Texte des Neuen Testamentes ans Herz gelegt:

So schreibt es Paulus im 1. Korintherbrief: "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich die Zukunft vorher sagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und hätte alle Erkenntnis und einen Glauben, so stark, daß ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts."

Glaube, Verstand und Liebe brauchen wir, alle diese drei, wenn wir als Menschen bestehen wollen. Wo immer eines davon fehlt, geht der Mensch fehl. Ohne Glaube und Vertrauen fehlt uns die Kraft und der Mut, die Zukunft zu gestalten, dem Bösen uns entgegen zu stellen, um Gerechtigkeit und Frieden für die ganze Erde ernsthaft uns zu bemühen.

Ohne Vernunft und Verstand vermögen wir das Wichtige vom Unwichtigen nicht zu unterscheiden, neue Wege und bessere Lösungen zu finden in der Unzahl von Problemen, die vor uns liegen und bewältigt sein wollen, damit alle Menschen auf der Erde satt werden und ein dach über dem Kopf haben können.

Aber ohne Liebe stehen wir alle immer wieder in der Gefahr, unsern Verstand zu mißbrauchen und von blindem Glauben in die irre geleitet zu werden. Denn erst die Liebe macht uns sehend - sehend für die Not des Nächsten, für den Hunger nach Leben in allen Menschen dieser Erde, für das Leid und das Unrecht, welches wir selber anderen zufügen, bewußt und unbewußt.

Und erst die Liebe macht uns fähig, den Fremden, auch mit seinem Glauben und seinen überzeugungen, die nicht die meinen sind, anzunehmen und zu ertragen (lateinisch heißt das - tolerieren - Toleranz ist eben nicht so sehr ein Ergebnis der Aufklärung sondern ein Bestandteil der Liebe!).

Die Liebe, das Mitgefühl, hat Menschen aller Religionen und Anschauungen fähig gemacht, den sonst in aller Welt oft eher ungeliebten Amerikanern in den Tagen nach dem Terroranschlag Solidarität und Hilfe anzubieten.

Die Liebe auch erst wird uns fähig machen, einzusehen, daß wir selber mit unserem Lebensstil, unserem Reichtum, unseren Ansprüchen und unserer Abschottung gegenüber den ärmsten der Erde immer neu dazu beitragen, Verzweiflung und Haß auf dieser Erde zu säen, Nährböden für neuen Terror.

Nur die Liebe wird uns helfen, den eigenen Wohlstand zu teilen, auf Luxus zu verzichten, den Dank für das eigene Glück (für die reiche Ernte, das sichere Leben hier in Mitteleuropa, die Annehmlichkeiten von Wohlstand und Freiheit) zu verbinden mit der Bereitschaft, davon abzugeben und andere daran teil haben zu lassen.

Gebe Gott uns und allen Menschen das Vertrauen in und den Glauben an diese Liebe.

Amen.

Fürbittengebet

Wir bringen dir unsere Gaben, Gott, Früchte unseres Lebens:
die Frucht der Erkenntnis, daß wir uns gegenseitig brauchen;
die Frucht der Einsicht, daß wir nur miteinander zum Ziel kommen
die Frucht der Weisheit, daß wir Geduld haben und langen Atem;
die Frucht der Klugheit, daß wir acht geben aufeinander;
die Frucht des Glaubens, daß dein Geist in uns lebendig ist
die Frucht der Liebe, die uns den Nächsten sehen läßt mit deinen Augen.
Die Früchte unseres Lebens sind wie die Körner einer ähre,
wie die Beeren einer Traube, aus denen Brot und Wein entstehen,
die Gaben, die wir dir bringen.
Laß uns diese Früchte genießen, indem wir sie teilen,
stärke unsern Glauben an deine Gerechtigkeit und deinen Frieden
stärke unsern Verstand, damit wir Wege der Versöhnung finden
und laß die Liebe in uns wachsen, die allein uns bewahren kann
vor blindem Eifer und kalter Berechnung.
Laß uns den Weg deines Sohnes nachgehen und
mit seinem Worten zu dir beten

Vater unser

(c) Peter Oberthür

Lukas 17, 5 - 6   |  Zurück zum Textanfang

(5) Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Mehre uns den Glauben!
(6) Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so würdet ihr zu diesem Maulbeerfeigenbaum sagen: Entwurzele dich und pflanze dich ins Meer! Und er würde euch gehorchen.


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Quelle: Predigten.de