Ökumenischer Gottesdienst am 12. September 2001 um 11.00 Uhr in der St. Hedwigs-Kathedrale anlässlich des Anschlages auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001

12. September 2001
Wolfgang Huber

„Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, einer unter diesen meinen geringsten Schwestern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Dieses Wort Jesu aus dem großen Gleichnis vom Weltgericht steht in unserer Kirche als Wochenspruch über dieser Woche. „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, einer unter diesen meinen geringsten Schwestern, das habt ihr mir getan.“

Auf eine tief aufwühlende Weise hat dieses Wort gestern und in der Nacht, die hinter uns liegt, zu mir gesprochen. Die Tausende die gestern durch verbrecherische Gewalt ums Leben gekommen sind, Brüder Jesu Christi, Schwestern Jesu Christi, jede Einzelne, jeder Einzelne. Sie alle von Gott geliebte Geschöpfe zum Leben bestimmt, nicht zum Tod. Und deswegen ist das erste, was uns zusammenführen muss an diesem Tag, die Klage über zerstörte und verlorene Menschenleben, abgebrochene Hoffnung und die tiefste Verletzung menschlicher Würde. Viele sind auch hier im Raum, die die Stockwerke des World Trade Center schon hinaufgefahren sind. Und manche mögen auch im Raum sein, die schon im Pentagon gewesen sind. Auch ich kenne beide Gebäude. Und ich habe vor Augen, mit welcher Selbstverständlichkeit sich Menschen in diesen Gebäuden bewegt haben, Tag für Tag, mit welcher Erwartung Menschen auf dieses hohe Gebäude hinaufgefahren sind, um den Blick zu haben hinüber zur Freiheitsstatue, den Blick zu haben hinweg über Manhatten. Und in solche Erwartungen in die Selbstverständlichkeit des Lebens hinein, dieser Einbruch, dieser Abbruch. Viele von uns werden auch durch persönliche Beziehungen Menschen vor Augen haben, die noch heute zittern, zagen, warten, bangen, hoffen, weil sie nicht wissen, was mit nahen Angehörigen, was mit guten Freunden geschehen ist, Schwestern und Brüder Jesu Christi.

Was ihr getan habt, diesen Brüdern und Schwestern Jesu Christi, das habt ihr ihm selbst getan. Das gilt dann aber auch für all diejenigen, die das geplant, die das heimtückisch vorbereitet, die das verbrecherisch durchgeführt haben. Nicht nur dass man hoffen muss, sie müssten sich vor einem irdischen Richter rechtfertigen, nicht nur dass man hoffen müsste, sie erführen irdische Gerechtigkeit.

Nein, aussprechen müssen wir an diesem Tag auch, dass sie sich rechtfertigen und verantworten müssen, vor dem allmächtigen Gott, unabhängig von der Frage der Religion, unabhängig von der Trennung der Religionen, unabhängig von Glauben und Unglauben. Das ist ein Geschehen, das vor den allmächtigen Gott, den Richter und Retter gebracht werden muss. Wenn es in den nächsten Tagen so geschehen sollte, das Spuren des Verbrechens zurückgeführt werden in den Bereich islamischer Länder, dann muss man an diesem Tag auch in aller Klarheit sagen, es gibt keinen Glauben an Gott, auf den man sich berufen kann, zur Rechtfertigung solcher Verbrechen.

Es gibt auch kein politisches Ziel, das man in Anspruch nehmen kann, für das, was da geschehen ist. Wenn es neben dem Aufruf zum Mitleiden noch einen anderen Aufruf gibt, der von diesen Tagen ausgeht, dann heißt er, es muss Schluss sein damit, dass man sich auf Religion und auf den Unterschied der Religionen beruft, dafür dass menschliches Leben geschändet und getötet wird. Wir haben das in der vergangenen Woche auch in Nordirland erlebt. Und ich sage das Gleiche im Blick auf Nordirland: Es geht nicht an, dass der Unterschied christlicher Konfessionen auch nur genannt wird im Zusammenhang mit dem Mord an unschuldigen Kindern, an unschuldigen Menschen. Und wir wollen uns miteinander nicht einreden lassen, wir hätten erklärt, was geschehen ist, wenn wir uns darauf berufen. Und wir müssen auch mit Menschen im Bereich des Islam darüber verstärkt noch ins Gespräch kommen, das der Unterschied von Glaubensweisen nicht Gewalt rechtfertigt, sondern dieser Unterschied uns darin verbinden muss, dass wir miteinander eintreten für Gewaltfreiheit, dass wir miteinander bauen am Frieden. Um Menschenleben klagen wir, mit Hinterbliebenen trauern wir, aber vor Gott bringen wir auch unsere Klage über die Abgründigkeit des menschlichen Herzens, das so Böses ersinnen kann. Und unserem Respekt, unsere Unterstützung, unser Gebet verdienen all diejenigen, die politische Verantwortung dafür tragen, solche Bosheit zu wehren, mit den Mitteln des Rechts, so, dass Freiheit bewahrt wird, so, dass wir leben können in Freiheit und Gerechtigkeit.

Dietrich Bonhoeffer hat in schwerster Situation in der Zeit des nationalsozialistischen Regimes, in der Zeit, in der er sein eigenes Leben aufs Spiel setzte, in einer Zeit, in der er sich umgeben und umstellt sah von Bosheit, Gewalt und Verbrechen, in dieser Zeit in der Jahreswende 1942 auf 1943 hat er Glaubenssätze über das Walten Gottes in der Geschichte aufgeschrieben. Sie können vielleicht auch uns heute miteinander weiterführen.

„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen, aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind. Und dass es Gott nicht schwerer ist mit ihn fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Ja, dass soll uns alle miteinander an diesem Tag, in dieser Stunde verbinden, aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.


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Originaladresse: EKD.de (12.09.2001)