DIE ZEIT

Leben 41/2001

G L A U B E N

Die Angst, zu glauben


Drei Wochen nach den Terroranschlägen von New York und Washington: Über die Sehnsucht eines Muslims nach einem Land, in dem Religionszugehörigkeit den Menschen nicht stigmatisiert

von Merle Hilbk

Hätte jemand vor 55 Jahren zu Ghanim Khan gesagt: Du wirst einmal mit Christen an einem Tisch sitzen und über den Islam diskutieren, er hätte geschimpft: "Du willst dich wohl über mich lustig machen!" Nie hätte es der pakistanische Muslim für möglich gehalten, dass er sich im Jahr 2001 mit Jesuitenschülern über "die doppelte Moral der Amerikaner" und "islamistische Netzwerke" erregen würde. Christen, das waren die verhassten Besatzer; Männer, die sich die Wangen rasierten "und in deren Gegenwart ich mich unterlegen fühlte und verkannt".

Als Ghanim Khan 1932 in Delhi geboren wurde, war Indien Kolonie. Die Engländer hatten ihr Bildungssystem errichtet, mit Staatsschulen und Colleges, in denen Naturwissenschaften gelehrt wurden und die lateinische Schrift, aber nicht der Koran. Muslimische Familien konnten sich das Schulgeld meist nicht leisten. Ohnehin in der Minderheit, erlebten sie, wie Hindus und Christen auch die gut dotierten Jobs bekamen und in die feineren Viertel zogen. Aus dem Klima der Unzufriedenheit erwuchs Hass, aus dem Hass erwuchs der Traum von einem eigenen Staat: Pakistan.

Der Schüler Ghanim Khan, ein lebhafter Junge, der in einer wohlhabenden muslimischen Beamtenfamilie aufwuchs, folgte den Parolen der Träumer. Doch als die Familie Khan kurz nach der Staatsgründung gezwungen wurde, nach Karatschi auszuwandern, hatte er das Gefühl, eine Heimat verloren zu haben. In seinem Innern ballte sich die Wut auf etwas Unbestimmtes, das er manchmal "Unterdrückung" nannte, manchmal "Engländer" und meistens "Westen". Dass ausgerechnet dieser Westen ihm zu einer zweiten Heimat werden konnte, das, sagt er, "liegt vor allem daran, dass ich ein gläubiger Muslim bin".

Freiheit im Land der Besatzer

1958 bekam Ghanim Khan, inzwischen diplomierter Wirtschaftswissenschaftler, ein deutsches Stipendium. Sein Alltag als Niederlassungsleiter bei einer englischen Firma verlief damals in ruhigen Bahnen. Doch auf den Straßen beäugten sich Muslime, Hindus und Christen mit Argwohn, das Militär putschte, und Ghanim Khan sehnte sich nach einem Leben, in dem es keine Rolle spielt, "welcher Religion ein Mensch angehört".

Drei Monate lernte er Deutsch in Kochel und schrieb sich an der Wirtschaftshochschule in Mannheim ein. Nach einem Jahr war das Geld zu Ende, und ein Freund riet ihm, lieber in London das Wirtschaftsprüfer-Examen abzulegen. Dort lauschte Ghanim Khan den Rednern in Speaker's Corner, las Zeitungen, hörte BBC, wanderte durch Stadtviertel mit Moscheen, Kirchen, Tempeln und wuchs hinein in die internationale Finanzwelt, in der der Wert eines Menschen nach Examensnoten und Umsatzzahlen, nicht aber nach Religion und Hautfarbe gemessen wurde. Zum ersten Mal im Leben fühlte er sich frei. "Als wäre ein Schatten von meiner Seele gefallen", sagt er. "Im Land der Besatzer war ich ebenbürtig, gleich!"

Dreißig Jahre später sitzt Ghanim Khan an einem trüben Septembernachmittag in seinem Reihenhaus im rheinischen Langenfeld und zappt durch die Fernsehkanäle. CNN, ARD, RTL, überall flimmern die gleichen Bilder über den Schirm: Flugzeuge, die in die Türme des World Trade Centers krachen, Rauchwolken, blutende, schreiende Menschen. Dazu die hilflosen Einordnungsversuche der Kommentatoren: "War against America", "islamistischer Terror". Science-Fiction? Erst als ein Freund anruft, erwacht Ghanim Khan aus seiner Betäubung ."Das war ein Netzwerk von Islamisten", schießt es ihm durch den Kopf. "Nichts hätte uns Muslimen mehr schaden können." Und ein Gefühl

steigt in ihm hoch, dass ihn seit der Flucht aus Delhi nie ganz verlassen hat: Angst.

Es ist nicht mehr die Angst vor Beschimpfungen, Ausgrenzung, körperlicher Gefährdung. "Nicht in meinen Kreisen. Oder können Sie sich einen Düsseldorfer Investmentbanker vorstellen, der 'Du Muslimsau' sagt und das Messer zückt?" Nein, bedroht worden ist Ghanim Khan nicht in all den Jahren im Rheinland. Es ist vielmehr die Angst, sich für etwas rechtfertigen zu müssen, das für den 68-Jährigen so normal ist wie für andere samstags der Einkaufsbummel: ein gläubiger Muslim zu sein.

Ein Mann hat ihn einmal gefragt, wie er sich "als Muslim in Deutschland denn so fühle". - "Was würden Sie denn antworten, wenn Ihnen jemand in Ägypten die gleiche Frage als Christ stellen würde?", hat er erwidert. "Sie würden sagen: Ganz normal." Sein Alltag unterscheidet sich kaum von dem seiner deutschen Frau. Im Restaurant verzichtet er auf Schweinefleisch, bestellt Mineralwasser statt Bier, manchmal zieht er sich bei einem Treffen mit Freunden kurz ins Nebenzimmer zum Beten zurück. "Was sollte einem Fremden daran unheimlich sein?"

"Es geht ja nicht nur um Schweinefleisch", sagt seine Frau Ingrid Khan, "besonders die Jüngeren hier werden so erzogen, dass sie alles hinterfragen. Das mag mit der Aufklärung zu tun haben, der Säkularisierung, den 68ern. Du aber akzeptierst ein Wertesystem, das dir der Koran vorgibt, folgst Regeln, die über tausend Jahre alt sind. Wie könnte das ein Sonntagschrist, der sich sein Wertesystem selbst zusammenbastelt, je verstehen?"

"Ohne die Religion wären viele hier gestrauchelt", sagt Ghanim Khan. Er deutet auf die Männer mit müden Gesichtern, die in einer vergilbten Wohnung in der Düsseldorfer Innenstadt an ihrem Schwarztee nippen. Die Wohnung, die Ghanim stolz "Moschee" nennt, ist Gebetsraum und Sozialstation zugleich. Die meisten hier sind über 50. Altersheime für Gastarbeiter, die ihren Lebensabend dort verbringen wollen, wo sie 20, 30 Jahre lang gearbeitet haben, gibt es kaum. Ein babylonisches Sprachengewirr schwirrt durch die Räume: Arabisch, Paschtu, Urdu, Englisch, Französisch. Die Stimmung ist gedrückt. Im Briefkasten lag eine Drohbotschaft. Ein aus Zeitungsbuchstaben zusammengeklebter Brief: "Der Islam ist eine Religion der Massenmörder".

Als Otto Schily im Fernsehen die Abschaffung des Religionsprivilegs verlangte, da waren, so erzählt Ghanim Khan, einige Männer hier den Tränen nahe. "Sie dachten, dass der Gebetsraum geschlossen würde. Sie haben nicht verstanden, dass es nur um ein Vereinsgesetz ging." In anderen islamischen Vereinen, in denen die Muslime noch schlechter Deutsch verstünden, habe man sich schon in Grüppchen zusammengeschlossen. »Diese arrogante Rhetorik der Politiker im Moment ist gefährlich." Ingrid Khan hat ihren Mann gebeten, abends nicht mehr mit der S-Bahn zu fahren. "Ich habe immer Angst, wenn er nicht auf die Minute pünktlich anruft", sagt sie. Ghanim sagt: "Du übertreibst."

Drohungen im Briefkasten

In London ist er in den sechziger Jahren von einer Gruppe junger Männer verprügelt worden. Sie wetterten nicht gegen Muslime, sie schlugen einfach zu. "Das war ein schlechtes Viertel", sagt er, wie um das Land, in dem er sich frei fühlte, zu verteidigen. Doch nach dem Überfall hielt er es in England nicht mehr aus. Ein Freund half ihm, in Düsseldorf eine Stelle zu finden, und als er 1970 Ingrid kennen lernte, kaufte er ein Haus. "Ghanim ist nach außen hin ein Kämpfer", sagt der Freund. "Innen ist er manchmal weich und labil."

Ghanim Khan selbst ist sicher, dass ihm die Religion geholfen hat, sich schnell in den verschiedenen Kulturen zurechtzufinden, in die ihn das Leben gespült hat. Der Glaube, so sagt er, hat ihm eine Struktur gegeben, ein

e Mitte, zu der er zurückfinden konnte, wenn ein Teil seiner Person aufgeben wollte.

"In Europa dachte ich manchmal: Wozu plagst du dich so ab?" Er habe sich einsam gefühlt und fremd, und er habe Alkohol getrunken, geflirtet und die Arbeit vernachlässigt. Doch dann habe er sich im Gebet seiner Wurzeln erinnert: der Mutter, die ihn zum Koranstudium drängte, des sanften Gemurmels in der Moschee, der gekalkten Terrasse des Elternhauses, über die sich nachts der Sternenhimmel spannte. Er bekam sein Leben wieder in den Griff, er verlor seine Ziele nicht aus den Augen. "Manchmal habe ich ihn darum beneidet, dass er so eine Lebensbewältigungshilfe hat", sagt Ingrid Khan.

Nach den Terroranschlägen baten Radio- und Fernsehsender, Schulen und Lokalzeitungen Ghanim Khan, mittlerweile Moscheevorstand, um ein Treffen. Er gab den Jesuitenschülern den Vorzug, die ihn privat in eine Bonner Altbauwohnung einluden. "Wieso tun sich plötzlich auch in Europa so viele Gräben auf?", setzt weitschweifig ein Diskussionsteilnehmer an. "Hier haben viele gemeint, dass man sich Glauben und Religion aus dem Katalog der Spaßgesellschaft zusammenbasteln könne", sagt Ghanim Khan. "Ich glaube, das war eine Fehleinschätzung."

(c) DIE ZEIT 41/2001


Quelle: Die Zeit

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