DIE ZEIT

Politik 39/2001

In der Falle des Terrors


In der Wahl zwischen lauter Übeln ist die richtige moralische und militärische Antwort: Erst aufspüren, dann bestrafen

von Josef Joffe

Ein bizarres Bekenntnis: "Dieser furchtbare Begriff der Freiheit: Für mich wird er verkörpert durch den Badestrand und die Börse von Tel Aviv. Das ist unser gemeinsamer Feind." Nein, so sprach nicht bin Laden, sondern ein israelischer Fundamentalist, Rabbi Fruman, um zu erklären, warum er den Kontakt zur Hamas pflegte, die seit Jahren ihre "lebenden Bomben" in israelische Städte schickt.

In solchen Köpfen (es gibt sie in jeder Kultur) ist der Feind der Mammon, das Fleisch und die Freiheit. Der Feind ist die offene Gesellschaft, die Moderne. Das Hassobjekt ist eine Lebensart, die der Westen erst nach Jahrhunderten des Mordens im Namen des einen Gottes, der einen Wahrheit genießen durfte - nach Kreuzzügen und totalitären Orgien. Diese Freiheit steht nach dem 11. September auf dem Spiel - und mit ihr eine Einsicht, die nach jedem Terrorschlag verloren zu gehen droht.

Erst kommt die Abscheu, dann die Angst. Die Verbrecher verschwinden im Untergrund oder hinter dem Rücken einer Staatsmacht. Jetzt frisst sich Hilflosigkeit in die Seele ein - wen packen? Und wenn Strafe, wird die Rache nicht noch furchtbarer sein? Das Gefühl des Ausgeliefertseins hat noch ein jedes Mal die Suche nach einem fassbaren Schuldigen ausgelöst, den Blick von der Untat zum Umfeld verlagert. Als Bürger eines sozialen Rechtsstaates zerbrechen wir uns alsgleich den Kopf über die "wahren" Ursachen des Terrorismus, über das Tun oder Lassen der anderen, die den Boden für die giftige Saat bereitet haben könnten.

Menschen verwandeln ein Flugzeug in eine Höllenmaschine - ist das nicht der gewaltsame Aufschrei der Verzweifelten? Ist nicht bin Laden, so er's war, der Rächer der Palästinenser, die von den Israelis geknechtet werden? Hätten doch die Amerikaner nur mehr Druck auf den israelischen Verbündeten ausgeübt; dann wäre das Inferno von New York vielleicht nicht geschehen. Überhaupt Amerika: Sein Sündenregister ist lang, vom Vietnamkrieg bis zur Globalisierung, und warum muss diese "Übermacht" überall ihre Flagge einpflanzen? Kein Wunder, dass die Entrechteten rabiat werden.

Diese Gedankenkette ist scheinbar bestechend, aber sie trägt nicht viel Gewicht. Die Todesfatwa gegen Salman Rushdie hatte nichts mit Amerika und alles mit den Satanischen Versen zu tun. Der nordirische Terror richtet sich nur insofern gegen die britischen "Imperialisten", als diese die Gewalt zu stoppen versuchen; zögen sie ab, würde das Blutbad erst richtig beginnen. Stellen wir uns vor, Israel verschwände morgen von der Landkarte. Wäre dies das Ende des irakischen Imperialismus, der syrischen Diktatur, des saudischen Steinzeit-Islams, des Taliban-Totalitarismus? Der Westen hat vieles auf dem Kerbholz in Nahost, ihn aber für die hausgemachten Probleme verantwortlich zu machen, wäre zu viel der Ehre. Es ist auch nicht die bittere Armut, die den globalen Terror treibt; sonst wäre sein Hort Schwarzafrika, das in Blut und Elend versinkt.

Ursachenforschung trifft nicht den Kern eines Terrors, der 5000 Unschuldige vernichtet. Mit pragmatischer Politik ist der moralischen Arroganz, die weder das eigene noch das Leben anderer achtet, nicht beizukommen. "Und wenn du einen halben Kontinent in die Luft sprengen musst", schrieb der deutsche Anarchist Karl Heinzen (1809 bis 1880), "und ein Meer von Blut vergießen musst, um die Partei der Barbaren zu zerstören, hab keine Gewissensbisse." Mit solch irrsinniger Moral erteilt sich jeder Terrorist die Generalabsolution für jeglichen Horror. Fanatiker wie bin Laden lassen sich nicht besänftigen, es sei denn um den Preis der Selbstaufgabe. Die Massenmörder wollten Amerika nicht "erziehen", sondern in seinem So-Sein treffen: als mächtigstes Symbol einer verhassten Zivilisation, die angeblich Mekka und Medina beflecke und nur dem Mammon huldige.

Just deswegen darf der Westen nicht in die Falle des Terrors tappen. Wer immer es getan hat, wollte nicht nur das World Trade Center vernichten, sondern auch jegliche Verständigung - so, wie die Hamas- und Dschihad-Terroristen, die zweimal, 1996 und 2001, die israelischen Hardliner an die Macht bombten, um den Friedensprozess zu sabotieren. Die Drahtzieher des Massakers erhoffen sich nichts sehnlicher als eine apokalyptische Antwort, welche die ganze islamische Welt von Algier bis Jakarta an ihre Seite zwingt und so tatsächlich den "Kampf der Kulturen" entfesselt.

Dies ist die politische Falle, die strategische ist genauso offenkundig. Afghanistan attackieren, wo schon die Briten im 19. und die Russen im 20. Jahrhundert gescheitert sind? Kabul ist schon kaputt, dort können Bomben nur noch das Elend umpflügen. Saudi-Arabien für sein Schutzgeld an den Terrorismus bestrafen? Dann sind die reichsten Ölquellen perdu. Syrien, Irak, Iran, Libyen? Sie alle haben schmutzige Hände, aber so viele Bomben hat selbst die "Übermacht" nicht. Außerdem: Amerika hat dreimal so viele Bomben auf Vietnam abgeworfen wie auf Nazideutschland - vergebens. Vielleicht wird Afghanistan das erste und einzige Ziel sein. Aber auch dann muss Amerika aufpassen, dass es nicht Pakistan verliert, das schon unter dem Ansturm der Flüchtlinge wankt.

Die Tat war so grauenhaft, wie die Optionen schmal sind. Das Klügste wäre, den gerechten Zorn zu zügeln, die Koalition zu schmieden, die Truppen zu positionieren. Vor allem aber geduldig zu recherchieren, bis die Schuldigen identifiziert und bestraft werden können - ohne dass erneut Tausende von Unschuldigen im Gegenschlag umkommen müssen. Zugleich darf die Freiheit, die wir verteidigen, nicht reflexhaft auf dem Altar der inneren Sicherheit geopfert werden - so kritisch die vorbeugende Polizeiarbeit auch ist. Wenn es nur die Wahl zwischen verschiedenen Übeln gibt, lautet die strategische wie die moralische Devise: Erst die Täter finden, dann bestrafen.

(c) DIE ZEIT 39/2001


Quelle: Die Zeit

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