DIE ZEIT

Feuilleton 40/2001

Was ist Fundamentalismus ?


Nicht nur der Islam, auch das Christentum hat seinen Fundamentalismus. Selbst die liberale Gesellschaft kann fanatisch werden, wenn sie aus ihrem Toleranzgebot eine Weltanschauung macht

von Jan Ross

"Nichts, aber auch gar nichts" hätten die Anschläge von New York und Washington "mit Religion zu tun", hat Bundeskanzler Schröder vorige Woche im Bundestag erklärt. Man begreift sofort, was damit gemeint war: Kein recht verstandener Glaube legitimiert einen Massenmord, und die Gegenwehr ist daher auch kein Kreuzzug gegen eine Glaubensgemeinschaft. Zugleich aber haben die Anschläge natürlich "mit Religion zu tun". Die Attentäter, ihre Hintermänner und Gesinnungsgenossen sind fanatische Muslime; sie halten den blutigen Kampf gegen den Westen und seine Vormacht Amerika für ein Gebot des Islam. Wie verzerrt und missbraucht auch immer, es sind religiöse Überzeugungen, die den Terror motivieren oder zumindest rechtfertigen müssen.

Der Unterschied von Motivation und Rechtfertigung ist bedeutsam. Vielerorts in der Welt, von Nordirland über den Balkan bis zum Nahen Osten, verlaufen politische Fronten entlang von Konfessions- oder Religionsgrenzen. Der Feind ist der Andersgläubige. Nur heißt das noch nicht, dass er wirklich wegen seines anderen Glaubens der Feind wäre. Es können auch ethnische oder soziale Spannungen sein, die durch den Religionsgegensatz überhöht, aufgeladen oder auch maskiert werden; oft genug ist die Berufung aufs Heilige einfach ein Propagandainstrument in der Hand von Machtcliquen oder Interessengruppen. Gleichviel: Es gibt die Verbreitung von Furcht und Schrecken im Namen der Religion.

Der Begriff, auf den diese angsterregende Erscheinungsform des Religiösen zumeist gebracht wird, lautet Fundamentalismus. Die wenigsten, die ihn verwenden, dürften zu einer genauen Definition fähig sein; in der Regel wird eine Art neues "finsteres Mittelalter" gemeint sein, mit unaufgeklärter Frömmigkeit und gewaltbereiter Intoleranz. Immerhin hat die vage Rede vom Fundamentalismus den Vorzug, sich nicht allein und grundsätzlich gegen den Islam zu richten und damit auch keinem "Kampf der Kulturen" gegen die muslimische Welt Vorschub zu leisten. Eiferertum und Rückständigkeit sind in jeder Glaubensgemeinschaft anzutreffen; der Antifundamentalist wird nationalreligiöse israelische Siedler und bibelfixierte amerikanische Evangelikale mit ähnlichem Misstrauen betrachten wie die Anhänger des politischen Islam. Die Fundamentalismuskritik diskriminiert keine bestimmte Religion. Sie hat freilich die Tendenz, sich zu einem Generalverdacht gegen Religion schlechthin auszuwachsen und jede Orientierung an letzten, absoluten Gesichtspunkten ins trübe Licht der Hinterwäldlerei zu rücken. In der Bioethik-Debatte etwa muss sich gegen Fundamentalismusvorwurf verteidigen, wer das Menschenleben für heilig und damit unantastbar hält.

In seinem ursprünglichen, terminologischen Sinn bezeichnet Fundamentalismus das Wörtlichnehmen einer heiligen Schrift, ihrer Sachaussagen wie ihrer Handlungsnormen. Fundamentalistisch ist etwa die Auffassung, dass Gott die Welt tatsächlich, wie im Buch Genesis geschildert, in sechs Tagen erschaffen hat. Die "Kreationisten", die dies glauben, haben in den Vereinigten Staaten wiederholt den Versuch unternommen, mit ihrer biblisch-buchstäblichen Schöpfungslehre bis in den staatlichen Schulunterricht vorzudringen. Das ist ein zweites typisches Merkmal des Fundamentalismus: sein Unwille, Religion als Privatsache zu verstehen, der Drang, die öffentliche Sphäre nach den eigenen Glaubensüberzeugungen zu prägen. Im Extremfall ist das Ideal die Theokratie, die Gottesherrschaft, in der das offenbarte Gebot zugleich irdisches Gesetz ist, wie besonders in der radikalen Frühphase der Islamischen Republik Iran unter Khomeini oder jetzt bei den afghanischen Taliban.

Die Antimoderne der Moderne

Allerdings muss man vorsichtig sein mit der nahe liegenden Annahme, dass dieser Direktdurchgriff des Glaubens auf das Leben etwas Archaisch-Vorsintflutliches, eben "finsteres Mittelalter" sei. Der Sozialanthropologe Ernest Gellner hat gezeigt, dass die Durchsetzung eines streng schrift- und gesetzesorientierten Islam auf Kosten der viel bunteren traditionellen Volksfrömmigkeit der muslimischen Welt einen enormen Modernisierungsschub gebracht hat, eine ganz neuartige kulturelle Vereinheitlichung und Dynamisierung. Auch sonst ist das Verhältnis des Fundamentalismus zur Moderne bekanntlich durchaus ambivalent; er bedient sich ohne Zögern der technischen Hilfsmittel der Gegenwart und gibt sich in seinem Ressentimentcharakter als Reaktionsphänomen zu erkennen, zutiefst bestimmt vom Westen, gegen den er aufbegehrt. Sucht man eine historische Parallele zu dieser eigentümlichen Verschlingung von Modernität und Antimoderne, so mag sie am ehesten, und das ist einer der wirklich beunruhigenden Aspekte der Sache, im Faschismus zu finden sein.

Was an der Fundamentalismusdiskussion indes bedenklich stimmt, ist eine oft geradezu irrationale Angst vor jeder Art von unbedingten Wahrheitsansprüchen und Glaubensgewissheiten. Als Gefahr für die liberale Gesellschaft gilt vielfach nicht nur, wer dem anderen seine Überzeugungen aufzwingen will, sondern schon, wer überhaupt welche hat. Der Papst ist offenbar ein besonders schwerer Fall, aber hüten muss man sich auch vor der muslimischen Lehramtskandidatin, die im baden-württembergischen Schuldienst das Kopftuch tragen will. Würde der "Radikalenerlass" der siebziger Jahre neu aufgelegt, so käme heute wahrscheinlich ein "Fundamentalistenbeschluss" dabei heraus. Das Bekenntnis zu Dogmen, Credos, Offenbarungen zieht beinahe automatisch den Verdacht der Intoleranz auf sich.

Dem liegt jedoch ein Missverständnis des Toleranzbegriffs zugrunde. Toleranz ist keine Weltanschauung, die letzte Fragen für sinnlos oder für unbeantwortbar hält. Sie ist vielmehr eine Umgangsregel unter Weltanschauungen, die auf die letzten Fragen höchst unterschiedliche, einander ausschließende und vollkommen ernst gemeinte Antworten geben. Wenn man nichts zu streiten hätte, wäre Verträglichkeit keine große Leistung. Daher kann es etwa in der Schule keinen abstrakten "Toleranzunterricht" geben, sondern nur einen Religionsunterricht, der mit dem eigenen Bekenntnis zugleich den Respekt für den Andersgläubigen lehrt.

Paradoxerweise, und für Antifundamentalisten besonders verstörend, mag dieser Respekt vor dem Andersgläubigen den Versuch einschließen, ihn seinen bisherigen Überzeugungen abspenstig zu machen, ihn also zu bekehren. Der prinzipielle Verzicht darauf würde das Gegenüber und seine Sicht der Dinge zu einem bloß folkloristischen oder psychologischen Phänomen degradieren, zu einem beliebigen Beleg für die Weisheit "Jeder Jeck ist anders", und ihm die schuldige Achtung gerade verweigern. Niemand kann die Augen davor verschließen, welches Unheil die Verbindung des religiösen Missionsgebots mit dem Einsatz sehr irdischer Machmittel in der Geschichte angerichtet hat. Aber dass ein Glaube von der eigenen Wahrheit überzeugt ist und andere davon zu überzeugen sucht, hat noch nichts mit Unduldsamkeit zu tun. Die Vereinigten Staaten mit ihrer für moderne Verhältnisse ungewöhnlich lebhaften Religiosität bei gleichzeitig großem Religionspluralismus sind übrigens das beste Beispiel, dass Toleranz keineswegs weitgehende Säkularisierung zur voraussetzt.

Der Fundamentalismus mit seinem Hang zur Gottesstaatlichkeit und Glaubensdiktatur verwischt die Grenze zwischen Religion und Politik, genauer gesagt: Er erkennt sie gar nicht an. Was sich der Antifundamentalismus freilich selten klarmacht, ist die Tatsache, dass die Trennung von Religion und Politik selbst religiöse Wurzeln hat. Jesu Satz "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" hat sich zu einer Grundformel des Abendlandes entwickelt. Von hier stammt die Unterscheidung von geistlicher und weltlicher Sphäre, von Kirche und Staat, die in der europäischen, in der "westlichen" Geschichte allenthalben anzutreffen ist. Der mittelalterliche Dualismus von Papst und Kaiser, Luthers Zwei-Reiche-Lehre, die liberale Errungenschaft der Glaubens- und Gewissensfreiheit in einer weltanschaulich neutralen Rechtsordnung - das alles sind Variationen über dieses Thema aus dem Neuen Testament.

Nicht dass die Christen selbst sich ohne Mühe zu einem toleranten Verständnis des eigenen Glaubens durchgerungen hätten. Über Jahrhunderte war die Vermischung von Geistlichem und Weltlichem eher die Regel als die Ausnahme; Päpste wollten den Erdkreis regieren, und Monarchen haben sich das Christentum als Staatsreligion botmäßig gemacht. Die katholische Kirche hat sich erst 1965 auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil zur Anerkennung der Religionsfreiheit bequemt - schwerlich allein aufgrund besserer theologischer Einsicht, sondern unter dem Druck gewandelter Welt- und Machtverhältnisse.

Widerstand und Märtyrertum

Gleichwohl bleibt es bedeutsam, dass die Scheidung von Glaube und Gesetz, von Himmel und Erde im Christentum selbst angelegt war. Es liegt ein antitotalitäres Moment darin, ein Widerstandspotenzial gegen die Unterwerfung des Menschen mit Leib und Seele. Von den Arenen der römischen Imperatoren bis zu den Konzentrationslagern und Gulags des 20. Jahrhunderts sind es nicht zuletzt Gläubige gewesen, die sich dem Allmachts- und Absolutheitsanspruch herrschender Gewalten verweigert haben. Und sie haben es deshalb getan, weil sie ihrerseits von der absoluten Verpflichtung zur Glaubenstreue überzeugt und nicht bereit waren, sich auf Kompromisse einzulassen, weil sie also insofern "fundamentalistisch" dachten. Es stimmt, manchen dieser Tapferen hätte man nach dem Sieg ihrer eigenen Sache nicht in die Hände fallen mögen, und ebenso stimmt es, dass Standhaftigkeit bis zum Letzten auch ohne den Rückhalt in letzten Gewissheiten vorkommt; vielleicht ist sie dann umso bewundernswerter. Aber die Geschichte des Märtyrertums rät zur Zurückhaltung mit dem Urteil, dass unbedingte Wahrheitsüberzeugungen einfach freiheitsfeindlich seien. Sie gehören auch zu den stärksten Bollwerken gegen die Knechtschaft.

Als polemische Ersatzideologie einer Gesellschaft, die sonst weitgehend ohne Programm und ohne Feinde ist, bietet sich der Antifundamentalismus förmlich an. Er hat seine Berechtigung und Kraft; mancher Herausforderer wird sich wundern, zu welcher Entschiedenheit der Westen bei der Verteidigung seiner angeblich dekadenten Freiheit fähig ist. Doch das antifundamentalistische Vorurteil, dass die Religion in der Politik schlechthin eine Macht der Finsternis wäre, trifft nicht zu. Der Khomeini-Iran war schrecklich, aber inzwischen regt sich dort ziviles Leben und Selbstbewusstsein, mehr als anderswo im Mittleren Osten. Umgekehrt ist die "aufgeklärte" politische Neutralisierung des Islam von Algerien bis zur Türkei oft mit Repression einhergegangen. Als der syrische Präsident Hafiz al-Assad 1982 einen Islamistenaufstand niederschlug, ließ er eine ganze Stadt dem Erdboden gleichmachen. Amnesty international schätzte die Zahl der Toten auf 10 000 bis 25 000. Noch steht nicht fest, ob Glaubenswahn oder Zynismus zu den größeren Verbrechen imstande ist.

(c) DIE ZEIT 40/2001


Quelle: Die Zeit

Fenster schließen