Der Islam und die Demokratie

Schiere Notwendigkeit zwingt die Vereinigten Staaten, die Zusammenarbeit mit den Regierungen der islamischen Staaten zu suchen, aber die können die Probleme nicht allein lösen - Gastkommentar

Von Anwar Ibrahim

Noch nie in der Geschichte des Islam haben die Handlungen einiger weniger seiner Anhänger die Religion selbst und die Gemeinde der Gläubigen in den Augen anderer Menschen so abgrundtief diskreditiert. Millionen Moslems, die nach Nordamerika und Europa flohen, um der Armut und der Unterdrückung in ihren Heimatländern zu entkommen, sind jetzt zu Objekten des Hasses geworden, gelten den Rasterfahndern als potenzielle Terroristen. Und die sich herausbildenden demokratischen Bewegungen in den islamischen Ländern werden um Jahrzehnte zurück geworfen, während die herrschenden Autokraten ihre Teilnahme am globalen Krieg gegen den Terror zum Vorwand nehmen, ihrerseits Kritiker und Dissidenten zu terrorisieren. Das alles haben Mohammed Atta, seine Mittäter und Sponsoren, mit ihrem Mord an unschuldigen Menschen im World Trade Center und im Pentagon dem Islam angetan. Diesen Angriff muss man verurteilen, und zwar ohne jeden Vorbehalt. Die wichtigsten religiösen Autoritäten des Islam sind empört und haben ihre Verurteilung dieser ungeheuerlichen Mordtaten zum Ausdruck gebracht. Jetzt müssen alle Versuche, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, unterstützt werden.

Die Verwirrung unter manchen Muslimen, die auf den Terrorangriff mit völlig deplatzierten Ausfällen gegen die Vereinigten Staaten reagierten, wirkt vor diesem Hintergrund äußerst beunruhigend. In Malaysia werden die staatlich kontrollierten Medien benutzt, um anti-amerikanische Stimmungen hoch zu peitschen, während die politische Elite im Rahmen der internationalen Diplomatie eine ganz andere Sprache spricht. Gewiss gibt es legitime Gründe für Kritik an den Vereinigten Staaten und allen Grund für Trauer über das Schicksal der Palästinenser, die jetzt einem Israel gegenüber stehen, das jetzt noch arroganter auftritt als zuvor. Jetzt ist aber nicht die Zeit für Moralpredigten über Mängel der amerikanischen Außenpolitik. Wären wir Malaysier die Opfer eines solchen Angriffs geworden, wir würden solches Gemeckere geschmacklos, ja abstoßend finden.

Man fragt sich, wie die muslimische Welt im 21. Jahrhundert einen Omasa bin Laden hervorbringen konnte. In den Jahrhunderten, als der Islam große Zivilisationen hervorbrachte, schufen reiche Männer fromme Stiftungen, die Universitäten und Krankenhäuser unterstützten. Fürsten wetteiferten mit einander in der Förderung von Wissenschaftlern, Philosophen und Literaten. Der größte Wissenschaftler und Philosoph des Mittelalters, Ibn Sina (den der Westen als Avicenna kennt), war ein Produkt dieses Systems. Bin Laden jedoch benutzt seinen persönlichen Reichtum, um Mord und Totschlag zu sponsern, nicht das Lernen, nicht die Kreativität; um niederzureißen, nicht aufzubauen.

Osama bin Laden und seine Anhänger sind Kinder der Verzweiflung, sie stammen aus Ländern, in denen der politische Kampf mit friedlichen Mitteln vergeblich ist. In vielen islamischen Ländern ist politische Kritik schlicht und einfach illegal. Und doch wächst von Jahr zu Jahr die Klasse der Gebildeten, wächst von jahr zu Jahr die Zahl der jungen Menschen, die einen modernen Beruf ergreifen. Diese Menschen brauchen einen Raum, in dem sie ihre politischen und sozialen Interessen artikulieren können. Aber die totale Kontrolle durch den Staat nimmt der Zivilgesellschaft die Luft zum Atmen.

Muslimische Intellektuelle tragen eine enorme moralische Verantwortung: Sie müssen den Terrorismus in ihrer Mitte ausrotten, sonst wird eine kleine Bande irregeleiteter Anhänger des Islam mit ihren ungeheuerlichen Taten unseren Glauben in der ganzen Welt als Teufelswerk erscheinen lassen. Man sollte übrigens festhalten, dass die Terroristen eher der energischen und aufstrebenden Klasse der neuen Berufstätigen entstammen als der alten Klasse der Klerikalen. Nur wenn sie politischen Gestaltungsraum und echte Mitbestimmung erhalten, können die Energien dieser Klasse für den sozialen Fortschritt sinnvoll eingesetzt werden.

Dringender denn je stellt sich für islamische Gesellschaften die Notwendigkeit, ihre innere politische und soziale Entwicklung in Angriff zu nehmen. Die wirtschaftliche Entwicklung allein reicht offensichtlich nicht aus. Denn die wirtschaftliche Entwicklung hat ja ihre eigene Dynamik und schafft Spannungen in den Sphären der Gesellschaft und der Politik, die gelöst werden müssen. Um sie zu lösen, müssen diese Spannungen müssen sich äußern können.

Die Auseinandersetzung der Welt des Islam mit der außerislamischen Welt braucht klare Orientierung. Die Teilnahme am Prozess der Globalisierung darf nicht länger das Monopol der Regierungen sein. Es sind gerade das Gefühl der Entfremdung und die Ansicht, dass die ganze Welt gegen sie ist, die in den späteren Terroristen Verzweiflung und Bitterkeit fördern.

Die Verwirrung über die gegenwärtige Weltordnung und die Verbitterung gegen die einzige Weltmacht sind das Ergebnis der Unfähigkeit der islamischen Welt, bestimmte Schlüsselprobleme anzugehen: Das Versinken Afghanistans in Anarchie und Chaos als Folge der sowjetischen Invasion und Besatzung von 1979 bis 1989; den Aufstieg des Taliban nach der Vertreibung der Sowjets; und das Leiden der irakischen Massen infolge der Sanktionen, aber auch der Handlungen des dortigen Diktators.

Aus ethischen Gründen werden Moslems die globale Initiative gegen den Terrorismus unterstützen. Aber es wird zunehmend klar, dass Autokraten diese Gelegenheit ergreifen werden, um ihre Regime zu stützen und den sich herausbildenden demokratischen Bewegungen schwere Schläge zu versetzen. Russlands Präsident Wladimir Putin wird sie benutzen, um brutale Verbrechen in Tschetschenien zu entschuldigen, Israel wird sie benutzen, um seine Halsstarrigkeit zu verstärken, Malaysia wird sie benutzen, um die drakonische Praxis der Inhaftierung ohne Prozess zu verteidigen.

Schiere Notwendigkeit zwingt die Vereinigten Staaten, die Zusammenarbeit mit den Regierungen der islamischen Staaten zu suchen. Das ist verständlich. Aber diese Regierungen können allein die Frage des Terrorismus nicht lösen. Die Lösung liegt im Ausbau der Demokratie, der politischen Mitbestimmung, der Zivilgesellschaft. Wenn die Vereinigten Staaten in ihrem Eintreten für die Demokratie und die Wiederherstellung der Menschenrechte nachlassen, würden sie, ohne es zu wollen, die diktatorischen Regime stärken und den Fehler wiederholen, den sie mit ihrer Unterstützung des früheren philippinischen Präsidenten Marcos, des früheren indonesischen Dikatators Suharto und des Schahs von Iran begingen.

Seit über hundert Jahren ringt die islamische Welt mit dem Problem der Modernisierung und der Frage seiner Teilhabe an der modernen Welt. Die dringendste Aufgabe besteht darin, eine intellektuelle Atmosphäre und politische Orientierung einzuführen und zu verankern, die Demokratie und Offenheit fördern. Diese Arbeit erfordert Überzeugung und Einsatz. Intellektuelle und Politiker müssen den Mut finden, den Fanatismus in jeder Form zu verurteilen und Fanatiker zurückzuweisen, die mit gewaltsamen Mitteln die Welt verändern wollen. Im selben Atemzug müssen sie aber auch die Tyrannen und unterdrückerischen Regime verurteilen, die jede Hoffnung auf eine friedliche Veränderung der Welt zunicht machen wollen.

©NPQ, LA Times Syndicate

Anwar Ibrahim war Vizepremierminister von Malaysia. Zur Zeit sitzt er nach einem Prozess, den viele Beobachter als Racheakt von Premier Mohamad Mohatir bezeichneten, eine 15-jährige Haftstrafe ab.


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Quelle: Welt online
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