Der Dialog zwischen Christen und Muslimen war bereits vor dem 11. September ein schwieriges Thema. Die Terroranschläge, mutmaßlich verübt von islamischen Fundamentalisten, scheinen nun alle Vorurteile zu bestätigen. Barbara Huber-Rudolf, Leiterin der CIBEDO (Christlich-islamische Begegnung, Dokumentationsstelle) in Frankfurt, äußert sich zur Situation des christlich-islamischen Dialogs. Zu diesem Thema wird sie auch bei der am Montag beginnenden Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz sprechen.

„Nicht ,der Islam‘ schlechthin“

Warum das christlich-islamische Gespräch weitergehen muss

konradsblatt: Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit steigt bei vielen die Wut auf die mutmaßlichen Täter von New York. Da ist immer die Rede von islamischen Fundamentalisten. Frau Huber-Rudolf, was sind das für Leute?

Huber-Rudolf: Islamische Fundamentalisten legen den Koran wortwörtlich aus. Sie sind nicht bereit, darüber zu diskutieren, dass Aussagen zeitabhängig entstanden und damit auch zu verstehen sind. Was die Anwendung von Gewalt angeht, so beziehen sie sich auf ganz späte Aussagen des Koran. Das sind brutale Stellen, wie sie auch teilweise im Alten Testament begegnen. Fundamentalisten reißen solche Aussagen sowohl inhaltlich als auch historisch aus dem Zusammenhang und greifen daraufhin zu den Waffen. Entscheidend ist: Die meisten Muslime lehnen Gewalt ab. Fundamentalisten können sich nicht auf eine breit akzeptierte Interpretation des Koran berufen.

Sie sagen, das wäre nicht „der Islam“. Aber wie können Leute auf die Straße gehen und feiern, weil tausende Menschen im Westen sterben. Gibt es da nicht doch eine Frontstellung, welche die islamische Welt eint?

Es gibt zwischen Islam und Christentum zahlreiche Berührungspunkte, die werden aber auch leicht zu Reibungsflächen. Diese Spannung entsteht oft aus einem bestimmten Verhältnis von Nähe und Fremdheit; das kennen wir auch aus dem zwischenmenschlichen Bereich und auch da löst diese „Nahfremde“ heftige Gefühle aus. Insofern ist der Begriff „Frontstellung“ zu stark. Wenn wir solche Jubelszenen sehen, dürfen wir sie nicht mit dem Islam schlechthin in Verbindung bringen. Es stehen sich sicherlich zwei Weltanschauungen gegenüber. Aber da spielen viele weitere Elemente hinein: die Sorge um die eigene Identität, die wirtschaftliche Dominanz des Westens, das Voranschreiten des Materialismus, politische Interessen in der arabischen Welt.

Gehen Sie davon aus, dass die Terrorakte das Verhältnis von Christen und Muslimen auch in Deutschland belasten?

Das ist deutlich zu spüren. Manche Muslime ziehen sich im Moment aus dem Gespräch mit den Christen zurück. Sie schämen sich einfach für diese Taten, die möglicherweise im Namen des Islam begangen wurden. Christen und Muslime machen sich Sorgen, dass die Bemühungen um den Dialog nicht ernst gemeint waren. Und sie müssen sich von den Kritikern vorwerfen lassen, wie blauäugig sie gewesen wären.

Wie kann es jetzt weitergehen?

Im Moment gibt es viele Reaktionen, die nicht zu einer Befriedung der Situation beitragen. Vielleicht brauchen wir eine Pause im Gespräch, in der beide Seiten sich neu besinnen. Dennoch dürfen wir den Dialog nicht erlahmen lassen. Sonst würden wir uns in genau der Weise beeinflussen lassen, wie dies Terroristen wollen.

Das Gespräch war auch vor den Anschlägen nicht einfach. Welche Vorurteile auf deutscher Seite werden jetzt möglicherweise zementiert?

Kurz gesagt gilt bei vielen: Je fundamentalistischer, desto islamischer. Eine richtige Muslima ist für viele eine rundliche Frau mit Kopftuch, die ein paar Schritte hinter ihrem Mann herläuft. Alles andere betrachten wir als nicht wirklich islamisch. In der Folge glauben wir auch schneller den Berichten über den fundamentalistischen Islam. Wenn die Abu Sajjaf auf den Philippinen Menschen entführen, wenn Ärzte der Welthungerhilfe gekidnappt werden oder eben jetzt nach den Terroranschlägen – all das wird dem Islam schlechthin zugeschrieben. Außerdem wird der Islam oft mit seiner Zeitrechnung gleichgesetzt. Man tut so, als hätte der Islam technisch und ideologisch das Mittelalter kaum überwunden. In Deutschland sieht man im Islam auch noch die Religion der Gastarbeiter. Das ist dann der einfache Mann, dessen Frau verschleiert ist und sich wegen des Schweinefleischs in der Salami sorgt. Die intellektuellen Muslime und die, die im Einfamilienhaus wohnen, werden nicht wahrgenommen.

Werden diese falschen Vorstellungen ausgenutzt?

Manche sprechen die Angst vor dem Verlust der christlichen Identität an. Sie stellen Informationen genau so zusammen, dass diese nur als Bedrohung erscheinen können. In einem Flugblatt heißt es beispielsweise, der Islam habe es geschafft, seit Anfang der 70-er Jahre 2000 Gebetsräume in Deutschland zu errichten. Dabei wird aber verschwiegen, dass vorher überhaupt keine Muslime da waren, die einen Gebetsraum oder eine Moschee hätten errichten können. Durch diese Politik wenden sich dann auch Menschen, die zunächst nichts gegen den Islam haben, gegen einen Moscheebau. Sie machen sich Sorgen um die Zukunft der Kinder und fürchten den Vorwurf: „Ihr habt nichts dagegen getan.“ Dahinter steckt die Angst: Wenn die Muslime hier auch politisch bestimmen, werden sie die Scharia einführen und die Christen sind dann nur noch Bürger zweiter Klasse.

Sind denn solche Befürchtungen völlig aus der Luft gegriffen?

Traditionell kann der Islam eine Gewaltenteilung zwischen religiösem und politischem Bereich, wie wir sie kennen, tatsächlich nicht vollziehen. Da würde er seinen Quellen widersprechen. Und auch der aufmerksame Blick in die so genannte islamische Welt zeigt einen deutlichen Willen, nicht nur die religiöse, sondern auch die politische Situation zu beherrschen. Von daher ist es gut, dass der Verfassungsschutz ein aufmerksames Auge auf die politischen Organisationen hat, die sich unter dem Deckmantel des Islams zusammengefunden haben. Es ist aber eine Unterstellung, wenn man bei jeder islamischen Moscheegemeinde diesen politischen Umgestaltungswillen, diese politische Gefahr vermutet.
Kommen wir noch einmal auf die verzerrten Wahrnehmungen zu sprechen. Gibt es die auch auf muslimischer Seite?

Auf jeden Fall. Einige Zeitungen in den Herkunftssprachen vermitteln wirklich ein schiefes Bild. Die Deutschen werden darin als geldgierig und arbeitssam beschrieben. Unser Land habe seine Moralvorstellungen über Bord geworfen, die Menschen seien nicht mehr gläubig. Diese Meldungen treten zu dem Überlegenheitsgefühl hinzu, das Muslimen anerzogen wird. Da werden die Christen als diejenigen gesehen, die erst noch auf dem Weg sind hin zur vollkommenen Religion und die von den Muslimen nur lernen können. Noch weiter entfernt seien die Juden.

Gegen falsche Vorstellungen hilft in der Regel, dass man sich begegnet und den anderen wirklich kennen lernt...

Genau. Was das alltägliche Leben angeht, so lassen sich durch den Dialog Vorurteile auf beiden Seiten ausräumen. Mit diesem Wissen können dann Erzieherinnen, Pfarrer und Mitarbeiter in der Verwaltung besser arbeiten. Was das Gespräch der Institutionen angeht, haben wir schon viel erreicht. Und das wird auch durch die jüngsten Ereignisse nicht in Frage gestellt.

Sie sprechen auf der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz. Deshalb ausdrücklich die Frage: Wie ist es um den religiösen und theologischen Dialog bestellt?

Im Blick auf den spirituellen Austausch stehen wir noch am Anfang. Da haben Christen und Muslime noch keine gemeinsame religiöse Sprache gefunden. In der Theologie ist das Gespräch ein Profilierungsdialog. Das heißt: die Auseinandersetzung mit dem Dialogpartner führt dazu, dass ich zunächst den eigenen Standpunkt kläre. Da geht es dann darum zu unterscheiden, was den eigenen Kern berührt und wo es sich nur um Detailfragen handelt. Die Sorge, dabei die eigene Substanz zu verlieren, ist unbegründet.

Warum soll ich mich eigentlich um den Dialog mit Muslimen bemühen?

Als gottgläubiger Mensch kann man es sich nicht leisten, in der Gottessuche auf die Erfahrungen anderer Menschen zu verzichten. Es treibt uns doch, neugierig zu sein auf das, was andere in ihrer Gottesbegegnung erlebt haben. Und dass auch in den anderen Religionen Spuren der Weisheit Gottes zu finden sind, hat ja das Zweite Vatikanische Konzil erklärt.

Warum wurde die Aufforderung zum Dialog auch mit den Muslimen erst mit dem Zweiten Vatikanum formuliert? Da hatten die beiden Weltreligionen doch immerhin schon fast 1500 Jahre gemeinsame Geschichte nebeneinander ...

Die islamische Theologie hat sich in Abgrenzung zu Judentum und Christentum herausgebildet. Dann folgten die Auseinandersetzungen um das gemeinsame Erbe Jerusalem. Für den Dialog auf theologischer Ebene brauchte es eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Islams, und die setzt in Europa erst in der Renaissance ein. In Sachen interreligiöses Gespräch gab es einzelne visionäre Vordenker wie etwa Nikolaus von Kues, aber erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird sich die Kirche über den Heilswillen Gottes für alle Menschen klar und ruft zum Dialog auf.

Was braucht es zukünftig für einen gelingenden Dialog?

Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit dem Islam und den Muslimen war die karitative und diakonische Arbeit der Kirchen mit den ausländischen Gastarbeitern. Der religiöse Dialog verträgt diesen betreuenden Ansatz nicht. Wir müssen in Augenhöhe und als gleichwertige Partner miteinander umgehen. Das gilt im Übrigen auch für politische Fragen. Muslime sind nicht ausschließlich Thema für die Ausländerpolitik. Wir müssen den hier lebenden Muslimen deutlich machen, dass sie als Deutsche zu Deutschland gehören. Und deshalb brauchen sie Mitwirkungsmöglichkeiten. Je mehr man mitgestalten kann, umso verantwortungsbewusster tut man das. Wir müssen aber auch den Dialog nach innen führen. Das heißt: wir müssen uns ernsthaft mit den Befürchtungen in der Bevölkerung auseinandersetzen. Diesen Dialog nach innen müssen die Muslime natürlich genauso führen. Grundsätzlich braucht es auf allen Seiten mehr Mut, den Dialog wirklich anzugehen. Nur so kommen wir zu einem Geist des Dialogs, der auch Spannungen und Frustrationen aushält.

Und welche Themen müssen auf die Tagesordnung?

Wir müssen uns um einen professionellen Umgang zum Beispiel bei Moscheebauten bemühen. Es ist einfach schwierig, wenn bei jedem Bauantrag eine Bürgerinitiative Widerstände anmeldet. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Jugendarbeit. Bei Jugendlichen kommt es noch oft zu Spannungen auf einem völlig irrationalen Hintergrund. Aus einer normalen Auseinandersetzung zwischen Heranwachsenden darf kein Konflikt zwischen Nationalitäten oder Religionen werden.

Interview: Stephan Langer

Originaladresse: Konradsblatt

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